exquisite corpse - Schriften zu Moderne, Ästhetik und Intermedialität


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John Gardner
Grendel
Roman • exquisite corpse 3

In diesem Klassiker der phantastischen Literatur erscheint die altenglische Sage unter vertauschten Vorzeichen.

Gardner schreibt aus der Perspektive Grendels, des Monsters, eines wilden und einsamen Wesens, das mit seiner Mutter in einer Höhle lebt. Grendel ist hin- und hergerissen zwischen seinem wilden, animalischen Tötungstrieb und einem herausragenden Verstand, der ihn zur Sprache und zu einem komplexen Verständnis der Welt befähigt.
Er wird zum Beobachter der Veränderung seiner Umgebung durch die Menschen, als diese den Wald nahe seiner Höhle besiedeln.

In der Beobachterposition demaskiert Grendel die Menschen in ihrem Widerspruch zwischen Sein und Schein. Grendel betrachtet ihr Tun, das zumeist in Krieg mündet, hört Traktate über die Welt, die von unangepassten Wesen bedroht werde. Erzählkunst, erkennt Grendel, verändert alles.
Dabei geht es Gardner nicht allein um das Thema Gewalt, sondern auch um die Ausformungen staatlicher Macht, um die Herausbildung gesellschaftlicher Ordnung mit all ihren Schattenseiten und um die Macht der Legenden und Mythen, die alle Zeit überdauern.

Gardners Meisterwerk erzählt von Mächtigen und Ohnmächtigen, von Tätern und Opfern, es erzählt aber auch von den Möglichkeiten der Literatur und der Fantasie – mit einer Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht.

Scheiße, die Menschen!
Dietrich Kuhlbrodt

Leseprobe
„Ach, du Ärmster, du traurige alte Missgeburt!“, schreie ich und umarme mich selbst und lache und lasse die Salztränen kullern, he he! bis ich keuchend und schluchzend hinschlage. (Das meiste hiervon ist gestellt.) Die Sonne kreiselt seelenlos durch den Äther, die Schatten werden wie nach Plan länger und kürzer. Kleine Vögel legen unter schrillem Kreischen Eier. Zarte Gräser lugen, in unschuldiges Gelb gewandet, aus dem Boden hervor: die Kinder der Toten. (Genau hier, auf diesem geradezu ungehörigen Grün,
habe ich einst, als der Mond in Wolken begraben lag, dem verschlagenen alten Adelgard den Kopf vom Rumpf gerissen. Hier, wo die erschreckend winzigen Rachen der Krokusse den Köpfen neugeborener Wasserschlangen gleich nach der Spätwintersonne schnappen, hier habe ich die alte Frau mit den eisengrauen Haaren umgebracht. Sie schmeckte nach Urin und nach Milz, und ich spuckte sie in hohem Bogen wieder aus. Süßer Mulch für gelbe Blüten. Solcherart gestalten sich die drögen Erinnerungen eines Schattenschleichers, Weltenwallwanderers, Rumtreibers auf der Erde rauhnachtgrausem Rand.) „Waaah!“, schreie ich, während ich dem Himmel hämisch schnell noch ein Gesicht schneide, um dann düstere Betrachtungen über den gegenwärtigen Stand der Dinge anzustellen, voll Bitterkeit an ihren einstigen Lauf zurückzudenken und wie der letzte Blödhammel die Netze für morgen auszuwerfen. „Aargh! Uaah!“ Ich wanke, zerschmettere Bäume. Verunstalteter Sohn von Wahnsinnigen. Die dickstämmigen, ganz in morgendliches Gelb getauchten Eichen glotzen mit entwaffnender Schlichtheit auf mich herab. „Nichts für ungut“, sage ich, ein schreckliches, speichelleckerisches Lächeln auf den Lippen, und tippe an einen imaginären Hut.

260 S., gebunden
EUR 19,90/sFr 35,40
ISBN 978 3 85286 174 6
Bereits erschienen!


© MILENA Verlag 2007