224 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-15-2

Annemarie Selinko

HEUTE HEIRATET MEIN MANN

Von Wien nach Kopenhagen. Thesi Petersen, eine junge Modezeichnerin, erfährt, dass ihr geschiedener Mann wieder heiraten wird. Es beginnt ein äußerst vergnügliches Katz-und-Maus-Spiel, als Thesi merkt, dass sie ihren Ex-Mann nicht vergessen kann. Von der Autorin des Weltbestsellers „Désirée“.

Annemarie Selinkos sehr humorvoller Roman über eine junge Modezeichnerin namens Thesi Petersen beginnt beim Zahnarzt. Dieser erzählt Thesi, dass die Verlobung eines seiner Patienten bevorsteht, des berühmten Architekten Poulsen. Thesi zeigt sich verstimmt, ist sie doch die geschiedene Frau Poulsens.
Thesi, eigentlich Maria-Theresia, stammt aus Wien und ist eine Offizierstochter, Sven Poulsen hat sie in Kitzbühel kennengelernt und ihn dort geheiratet. Sowohl Thesi als auch ihre Autorin Annemarie Selinko mussten vor den Nazis nach Dänemark flüchten. Selinko erzählt sehr anschaulich, wie der Kriegsausbruch im Dänemark 1939 zwischen Modeschauen und Lippenstift erlebt wird. Immer wieder flicht sie die historischen Ereignisse rund um 1938 und 1939 in das vergnügliche Romangeschehen ein, und der Höhepunkt der Handlung spielt auch am Vortag des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Vorerst lernt Thesi aber in einem Café zwei interessante Männer kennen, einen englischen Adeligen, der gerade vom Spanischen Bürgerkrieg zurückgekommen ist, und John, einen Kriegsberichterstatter, der sie unbedingt heiraten will. Als Thesi wegen Scharlach ins Krankenhaus muss, überschlagen sich die Ereignisse und es kommt alles anders als geplant.
Ein Roman voller Witz und Charme, der 1956 mit Liselotte Pulver, Gustav Knuth und Johannes Heesters verfilmt wurde.

„Ich bin wahnsinnig glücklich, man sollte jede Ehe zweimal beginnen und beide Male mit demselben Mann!“ (Thesi Petersen)

Thesi schaut jetzt still in den hellen Maiabend, die Sonne geht irgendwo in der Ferne unter, die grünen Kupferdächer von Kopenhagen flammen rot und violett. Komisches Land, denkt Thesi wieder einmal, bei uns in Wien hat die Karlskirche ein Kupferdach und die Peterskirche und – ja, auch die Technische Hochschule. Schluß. Mächtig stolz sind wir immer auf diese drei Dächer gewesen, nicht einmal im Krieg und nachher, als es in Wien so dreckig ging, haben wir die Kupferdächer abgekratzt. Aber nah daran war man, sehr nah. Und in diesem Kopenhagen hat jeder Telefonautomat und jedes Toilettenhäuserl sein Kupferdach. Glückliche dicke Leute hier, gut, daß ich dageblieben bin, sehr gut.
Dieser Abend verläuft genauso, wie Thesi erwartet hat. Sie sitzen bei Nimb auf der Terrasse, es dämmert, die kleinen gelben Lampen auf den einzelnen Tischen werden angeknipst, alles verschwindet in silbergrauer Dämmerung, man kann die vielen Gesichter rund herum nicht unterscheiden, und sie sind auch nicht wichtig. Die Kapelle spielt den Einzugsmarsch aus »Aida«, wie es sich für eine Restaurantkapelle gehört. Thesi löffelt Hummer-Cocktail und Direktor Andersen startet die Unterhaltung wie zu erwarten mit – »Thesi – was ist Thesi für ein Name?«
Thesi löffelt hingegeben und antwortet mechanisch: »Ein Wiener Name, eine Abkürzung, eigentlich heiße ich Maria Theresia.«
Direktor Andersen sucht nach neuem Gesprächsstoff. Er weiß nichts von Maria Theresia, von der wirklichen Maria Theresia nämlich, nach der Thesi genannt ist. Jeder Wiener würde lächeln, wenn er diese Thesi da, schmal, klein und smart, ansehen und dabei erfahren würde, daß sie Maria Theresia heißt. Wie die dicke österreichische Kaiserin vom Denkmal auf der Ringstraße, mit der man bis zum Überdruß in den Wiener Schulen gequält wird und von der man sich zuletzt doch nur merkt, daß sie sehr tüchtig und sehr ernsthaft war, ihr Reich vergrößerte und sich rapid schnell vermehrte, jedes Jahr ein Baby. Thesis Papa war Offizier und suchte für Thesi einen österreichischen Namen, und Mama fand den Namen vornehm und Thesi war doch noch ein Baby und konnte sich nicht dagegen wehren. Die Eltern sind gestorben und Thesi hat dann bei der Großmama gelebt, Großmama ist in Wien, und Wien ist weit, Österreich liegt in unwahrscheinlich süßer ferner Vergangenheit und existiert außerdem gar nicht mehr. Versunken, wegradiert von der Landkarte, eine reizende Erinnerung für die Fremden, die in Tirol Ski gelaufen und im Wörther See geschwommen sind und auf dem Großglockner der Ewigkeit gegenüberstanden. Und für die Österreicher selbst eine brennend offene Wunde im Herzen. Nicht daran rühren, Herr Direktor Andersen, fragen Sie jetzt um Gottes willen nicht, warum Thesi als geschiedene Frau in der Fremde herumläuft, statt wieder zu Hause bei Großmama zu leben, fragen Sie nicht, Herr Direktor.
Krach. Er fragt schon.
»Und – Sie sind gern in Kopenhagen, kleine Frau? Sie – äh – Sie sind geschieden, sagten Sie neulich – und sind trotzdem hiergeblieben? Also gern hier, was? Roten oder weißen Wein, kleine Frau?«
»Weißen, Herr Direktor. Und nicht zu süß, ja?« Der Einzugsmarsch aus »Aida« ist zu Ende, ebenso dröhnend setzt ein Wiener Liederpotpourri ein, Gott sei Dank – der Wein. Schnell trinkt Thesi ein paar Schluck.
»So küßt man nur in Wien
Mit einer Wienerin.
Nur, wer im Mai in Wien geküßt …«
spielt die Kapelle und jetzt kommt leider Gottes Direktor Andersen in Schwung und sieht Thesi tief in die Augen.
»Kleine einsame Frau – erzählen Sie mir Ihre Geschichte«, sagt er programmgemäß. Wartet natürlich gar nicht ab, bis Thesi den Mund aufmacht, sondern fängt gleich von sich zu erzählen an. Äußere Erfolge, ja, die hat er, aber im Herzen ist er natürlich einsam.
Thesi trinkt Wein und sieht ihn freundlich an. Schließlich ist sie nicht zu ihrem Vergnügen mitgekommen, sondern zu seinem.
»Suchen Sie jemanden, kleine Frau?« fragt plötzlich Andersen.
Thesis Blick geht nämlich zwischen den Tischreihen auf und ab, sie kneift die Augen etwas zusammen, um besser die Gesichter im Dämmerlicht zu unterscheiden. Direktor Andersen muß zweimal fragen, ihr Lächeln deutet zwar an, daß sie ihm gespannt zuhört. Aber er muß doch zweimal fragen, sie hat überhaupt nicht aufgepaßt. Beim zweiten Mal zuckt sie zusammen und neigt ihr Gesicht zu ihm und sieht ihn bittend an:
»Verzeihen Sie, ich hab’ nur bissel herumgeschaut – nein, ich suche niemand Bestimmten. Heut ist ein so schöner Abend, ganz Kopenhagen ißt hier Nachtmahl.«
Ihr liebes Lächeln versöhnt ihn. Und er plaudert weiter, jetzt hält er bei seiner Gymnasialmatura und imitiert Professoren. Männer über Vierzig erzählen entweder Militär- oder Gymnasial-erinnerungen, denkt Thesi gelangweilt und läßt ihre Augen umherwandern. Hier nachtmahlen also die reichen Bürger. In Dänemark gibt es überhaupt nur Bürger, reiche und weniger reiche. Also die reichen Bürger sind heute hier. Mit Frau und Schwiegermutter. Mit der offiziellen Freundin. (Mit der inoffiziellen geht man nicht zu Nimb.) Mit Braut und Mama von der Braut und Papa von der Braut. Thesis Blicke suchen, sie hat schon zu viel getrunken, jetzt bestellt der kleine Direktor neuen Wein, das Nachhause bringen wird scheußlich werden, ein Kellner schenkt ein.

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