Mit Illustrationen von Christoph Abbrederis
ca. 160 Seiten, Leinen, Fadenheftung, Leseband

€ 22.00

ISBN 978-3-903184-43-5
Erscheint Ende September 2019

Hans Platzgumer

WILLKOMMEN IN MEINER WIRKLICHKEIT!

Um das Leben besser auszuhalten, sucht sich der Mensch Parallelwelten, sie sind Alternativen und oft aufregender oder bequemer. Hans Platzgumer macht uns ein sehr gutes Angebot: Er wagt den Streifzug durch die Gegenwart und erzählt in seinem neuen Buch davon, warum es uns auch gut gehen darf.

„Heute will ich kurz anhalten und nicht nur John Lennon Grüße ins Jenseits schicken, sondern einen Streifzug durch die Wirklichkeit unternehmen, die sich mir offenbart.“
So beginnt Hans Platzgumers wunderbar hoffnungsfrohe Betrachtung unserer Zeit. In seinem fünfzigsten Lebensjahr hält der Autor inne und beschreibt das scheinbar Wirkliche, das ihn überall umgibt und stets umgab.
Es herrschen Elend, Hunger, unfassbares Leid, nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit. Gegen all dies gilt es sich zu positionieren und nichts unversucht zu lassen, um aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Dennoch ist die Welt auch wunderschön. Wer sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt, muss die Schönheit des Augenblicks erkennen können. Sie liefert die Gewissheit: Das Leben ist lebenswert.

Hans Platzgumers Exkurs wird zu einer ebenso vergnüglichen wie ernsten Mischung aus Essay und Biografie. Eine Zeitreise durch die Realitätswahrnehmung des Menschen.
Es treten auf: John Lennon, Donald Trump, Otto Waalkes, Papst Franziskus, Friedrich Nietzsche, Hatschi Bratschi, eine Indische Kurzschwanzgrille, WALL·E und etliche andere.

The sun is up,
The sky is blue,
It’s beautiful,
And so are you.

John Lennon

Oft wird mir die Auseinandersetzung mit diesem scheinbar Wirklichen, das mich überall umgibt, wo ich mich befinde, zu viel. Ich verlange nach Auszeit. Ich versuche, der Common-Sense-Realität zu entwischen. Eine allzu wirklich wirkende Welt ist furchteinflößend. Es ist mühsam und zeitaufwendig, sich in ihr zu bewegen. Parallelwelten bieten Pausen. Sie sind Alternativen, wirken sowohl aufregender wie bequemer. Neben den herkömmlichen Methoden der Realitätsflucht machen es mir die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte immer leichter, mich dem zu entziehen, was augenscheinlich um mich herum und mit mir geschieht. Wille und Bedürfnis schwinden, mit dem Unmittelbaren dort draußen in Kontakt zu treten. Dennoch lohnt es sich, davon bin ich überzeugt, sich auf diese erkennbare Wirklichkeit so oft wie möglich einzulassen. Denn in ihr gibt es, neben so manchem Irrsinn, viel Schönes zu entdecken.
Mit der Auffassung, dass wir der echten Umgebung mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, bin ich nicht allein und nie allein gewesen. Schon John Lennon sang vor fünfzig Jahren:
The sun is up,
The sky is blue,
It’s beautiful,
And so are you.

Als Teil einer Gruppe angloamerikanischer Künstler hatten sich die Beatles in Guru Maharishis Aschram im nordindischen Rishikesh eingefunden, um sich in transzendentaler Meditation unterrichten zu lassen. Prudence Farrow, die Schwester der Schauspielerin Mia Farrow, war besonders erpicht darauf, die Techniken dieser geistigen Erneuerungsbewegung zu erlernen. Sie litt unter depressiven Verstimmungen und sehnte sich danach, mittels des »yogischen Fliegens« die Wirklichkeit zu verlassen, in der sie feststeckte. Stundenlang kam sie aus ihrem verdunkelten Meditationsraum nicht heraus. John Lennon fand, dass sie übertrieb. Sich selbst wochenlang wegzusperren, um schneller als jeder andere Gott zu finden, erschien ihm als Sack-gasse. Also schrieb er den Song »Dear Prudence« für sie und wies Prudence auf die Schönheit nicht der transzendentalen, sondern der wirklichen Welt hin, die sie umgab. Die Sonne schien vom blauen Himmel, ein Lüftchen wehte, Vögel sangen. Prudence sei Teil all dieser Harmonie, textete er. Sie sei ein schönes Menschenkind, schön wie die Welt. Und die Welt war schön. Natürlich herrschte außerhalb des Aschrams, draußen in dieser wirklichen Welt, Krieg, nicht nur in Vietnam. Es herrschte Elend, Hunger, unfassbares Leid, nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit. Gegen all dies galt es sich zu positionieren und nichts unversucht zu lassen, um aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Niemand wird John Lennon vorwerfen, sich nicht für die Friedensbewegung eingesetzt zu haben. Dennoch: Die Welt war auch wunderschön. Auch das galt es festzustellen. Wer sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt, muss die Schönheit des Augenblicks erkennen können. Sie liefert die
Gewissheit: Das Leben ist lebenswert. Entweder als großes Ganzes oder zumindest im einen oder anderen Ausschnitt erscheint es mir als das Schönste, was ich mir vorstellen kann. Ängste beruhen meist auf dem Blick in die Zukunft. Die augenblickliche Gegenwart aber, zumindest in der Wohlstandsgesellschaft, in der ich lebe, ist sehr oft nicht erdrückend. Ich sitze, während ich diesen Satz schreibe, in einem beheizten Zimmer. Es ist Anfang 2019. Durch das Fenster blicke ich auf die schneebedeckten Dächer des Wiener Häusermeers. So sehr ich mir der menschenverachtenden Politik bewusst bin, die von der rechtskonservativen Regierung in diesem Land betrieben wird, während ich hier sitze; in diesem Moment lässt mich die Welt in Frieden arbeiten. Ich habe weder Hunger noch Durst. Ich muss nicht davon ausgehen, dass im nächsten Moment ein Blitz oder eine Bombe einschlägt. Es geht mir gut, jetzt. Und ich vermute, dass es auch Ihnen gut geht, jetzt, während sie diese Zeilen lesen, daheim, im Zug, im Café, wo immer.

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