320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Leseband

€ 24.50

ISBN 978-3-903184-52-7

Martina Wied

DAS ASYL ZUM OBDACHLOSEN GEIST

Über die existenzielle Fremdheit des Intellektuellen John von Kellingrath, der mit seiner Flucht in eine Irrenanstalt vor dem Leben und der bürgerlichen Gesellschaft kapituliert. Ein gesellschaftliches Panorama des 20. Jahrhunderts. Ein Roman wie die Schwester von Thomas Manns Zauberberg.

John von Kellingrath, ein junger Mann aus bestem Hause, flüchtet sich in eine Nervenheilanstalt; die Handlung spielt um 1890. Er ist einer der Repräsentanten des obdachlosen Geistes, ein Asket, der den materialistischen Anforderungen seiner hochbürgerlichen Familie nicht gewachsen ist. Kellingrath hat seine Frau einst aus Pflichterfüllung geheiratet und verachtet sie wegen ihres berechnenden Charakters. Als sie gemeinsam mit seinem Bruder Johns Einweisung ins Irrenhaus betreibt, um die Verfügungsgewalt über sein Vermögen zu erhalten, ist das auf prekäre Art durchaus in seinem Sinn. Die Irrenanstalt erscheint ihm als ein Ort des Friedens; im Elfenbeinturm seiner Zelle will er ein ungestörtes Gelehrtenleben verbringen und Sören Kierkegaard übersetzen. „Garantierte Einzelhaft ist alles, was ich mir verlange: Meine Bücher, Schreibgerät, mein Quantum Tabak, das nicht klein ist, also ungefähr die Freiheiten, die man in zivilisierten Ländern politischen Sträflingen zuzugestehen pflegt.“

Exil, im Sinn von Austritt bzw. Vertreibung aus dem bürgerlichen Leben, ist auch Martina Wieds Grundmotiv – schon lange vor ihrer erzwungenen Flucht nach Großbritannien.
Ihr ganzes Leben lang sucht sie eine Antwort auf die Frage, wie ein anständiges Leben in einer moralisch dubiosen Gesellschaftsordnung gelingen kann. Das impliziert die Distanzierung von jener gesellschaftlichen Schicht, der sie selbst angehört, und die Ablehnung der rücksichtslosen Logik des bürgerlichen Wirtschaftssystems.

Martina Wied schrieb diesen Roman in den Jahren 1925/26, er erschien 1934 als Fortsetzungsroman in der Wiener Zeitung, eine Buchausgabe folgte erst 1950 unter dem Titel „Kellingrath“.

Deshalb beobachtete ich mit einiger Beruhigung von meinem Fenster aus, wie unser schweres, eisenbeschlagenes Haupttor, auseinanderbrechend, sich teilte, um eine gelbe, bäuerliche Kalesche einzulassen, die unter Regendach und Spritzleder ihre Insassen verbarg, und vor einem just niederprasselnden Hagelschauer schützte. Ein koboldhaftes Wesen, das ich mit wehendem Radmantel, fliegenden Bartzipfeln und flatternder Krawatte aus dem kaum stillstehenden Wagen herausschlüpfen sah, pochte alsbald an meine Türe, gab sich als den angekündigten Dr. Gersuin zu erkennen, und versicherte sich meiner Geleitschaft in das Stiegenhaus, wo die anderen Insassen des Wagens uns bereits erwarteten. Große, magere Mannsgestalten mit schönen Gesichtern, denen Bartlosigkeit Jugend und ein Fremdartiges verlieh; brüderlich einander gleichend, doch so, als wäre der ein wenig Kleinere und Untersetztere von beiden, mit dem glatteren, ausdrucksloseren Gesicht, als zweite Auflage des Bruders erschaffen worden, als ein späterer, verwischter Abzug derselben Platte gleichsam, während der andere die Absichten seines Schöpfers in jeder Linie klar und deutlich
anzukündigen schien. Vor diesem Gesicht musste jedes Misstrauen schwinden, ich streckte dem Großen, dem Urbild, meine Hand entgegen: »Professor von Kellingrath?«
Aber wie wurde mir, als eine braune Hand, so beredt wie das Gesicht, erklärend auf die verwischte Zweitauflage wies: »Mein Bruder Oliver, der Professor – ich bin Dr. John Kellingrath.« In der Bestürzung, meine erste Annahme in einem sowohl bewahrheitet wie widerlegt zu finden – denn dieses Antlitz schien, von Leiden, aber von geistigen Leiden,
gezeichnet, noch über sie zu triumphieren, wogegen aus den Zügen des anderen, des Bärenführers, engstirnige Tücke mich ansah – in dieser Bestürzung murmelte ich den allerunpassendsten Willkommgruß: Durfte denn an dieser Stätte das Wort gesprochen werden: »Es freut mich«?
Kaum jemals hatte ich das Zweideutige, ja Vampirhafte meiner Berufspflicht so ätzend empfunden; zum ersten Male nach langer Zeit, die mich solcher Gedanken entwöhnt hatte, packte mich, bei Aufhebung jeglicher Distanz, das Bewusstsein, dass ich mich nicht einem wissenschaftlich zu behandelnden Objekt, sondern einem fühlenden Subjekt gegenüberbefand, einem in Täuschung über meine Absichten befangenen Menschen, den ich ausholen und in die Enge treiben sollte, ehe ich ihm das Netz über den Kopf werfen und es zuziehen musste. Um solche Täuschung vollkommen zu machen, war mein Ordinationszimmer seines eigentlichen Charakters völlig entkleidet; es ließ, der einzig unverändert gebliebene Raum, die frühere Bestimmung des Hauses als eines fürstlichen Sommersitzes noch erkennen, und wirkte mit seinen graublauen Seidentapeten, auf denen Wedgewood-Medaillons die Stelle der wohlweislich verbannten Spiegel einnahmen, mit seinen lichten Lackmöbeln, deren Laden ärztliches Untersuchungsgerät unsichtbar verwahrt
hielten, durchaus wie ein eleganter Privatsalon. Mit Vorbedacht war hier eine gemütliche Kaffeestunde inszeniert worden, bei der Dr. Gersuin als »mein alter Freund und Studiengenosse« auftrat und das Wort führte. Schielenden Blickes – mein Instinkt hatte mich nicht betrogen – und aufgeräumt an seiner schwarzen Virginier saugend, »warf er mir das Hölzel«, wie man hierzulande sagt, gab er mir die Stichworte, die mich ermuntern sollten, den Geisteszustand seines Patienten unauffällig zu überprüfen – als die Türe sich öffnete und einer unserer Wärter im weißen Kittel und mit nackten Armen mich zu einem eben angelangten
Besucher ins Sprechzimmer rief. Solche Störung verstieß gegen alle Hausregel, es musste sich also um ein unaufschiebbar Dringliches handeln, ich entschuldigte mich kurz und ging, den ganzen Anstaltskomplex durchquerend, in den für auswärtige Gäste bestimmten Empfangsraum, der sich an die Behausung des Pförtners anschloss.
Dort fand ich eine Dame, die, als ich die Türklinke niederdrückte, bereits ihre Stimme erhob: Ein raues Organ, das mit fremdem Akzent hinrollte. Leidenschaftliche Gebärden, ein nachlässig übergeworfener Regenmantel, aus dessen offenem Kragen der lange, sehnige Hals in fast unanständiger Nacktheit vorsah, ein schief auf wirrem, graublondem Haar sich wiegender, breitrandiger Strohhut, dem stürmischen Wetter schlecht angepasst, ergaben einen Gesamteindruck, der so sehr dem entsprach, was man in diesem Hause gewohnheitsmäßig anzutreffen pflegte, dass ich mich unwillkürlich nach einer Begleitperson umsah. Die Dame war aber allein gekommen.
Ich hörte der Redseligen eine Weile geduldig zu, indem ich die mir überbrachte Visitenkarte missmutig in der Hand zerknüllte – endlich schnitt ich ihren Wortschwall ab und gab ihr zu verstehen, dass sie, ihre Fürsorge in Ehren, die dem Gatten auf dem Fuße folgte, an eine falsche Adresse geraten war: Die Diagnose des Grazer Kollegen, bedeutete ich ihr, scheine mir ein wenig vorschnell gefasst zu sein, Blick, Haltung, die gesellschaftliche Sicherheit des Patienten, seine Art der Wort- und Satzbildung, seine präzise Ausdrucksweise und überlegene Ruhe – der ganze Habitus, mit einem Wort, widersprächen aufs Deutlichste der Feststellung einer paranoiden Demenz.
»Also chalten Sie meine Mann für gesund?«
»Das vermöchte ich freilich nach so kurzer Bekanntschaft nicht zu behaupten, ich möchte die Frage offenlassen, ob nicht vielleicht sehr ernste, nervöse Störungen vorhanden sind, aber ich glaube, jetzt schon sagen zu dürfen, dass Ihr Herr Gemahl in einer geschlossenen Anstalt fehl am Ort ist!«
»Man sieht, dass Sie sind eijn großer Arzt, Cherr Direktor! Eijn Blick hat Ihnen genügt zur Diagnose! Denn – Chand aufs Cherz: Weijt können Sie nicht seijn gekommen mit Ihre Untersuchung!«
Sie wies auf den Kiesplatz hinaus, wo jetzt, bei durchbrechendem Sonnenlicht mit zurückgeschlagenem Verdeck, pferdelos und mit starrender Deichsel, die gelbe Kutsche stand, neben einem zweiten, bespannten Gefährt.
»Die Rösser chaben noch gedampft, wie jich bijn gekommen, gerade erst chat der Kutscher sie weggeführt! Kann man aber eijne Krankheit, wie die von meijne Mann, in zwanzig Minutten feststellen oder ableugnen? Nein, Cherr Direktor, das jist kein Fall, der zu erkennen jist auf der erste Blick, auch nicht von eijne Genie!«
»Sie bestätigen durchaus meine eigene Meinung, gnädige Frau: Auch ich habe die Diagnose des Grazer Kollegen – den ich, privat gesprochen, für kein Genie halte – voreilig gefunden! Meines Erachtens handelt es sich hier nicht um eine Rindenveränderung – das heißt, populär
gesprochen, um eine Gehirnkrankheit –, sondern um eine seelische Verdüsterung, die nicht im Irrenhaus zu verwahren, sondern in völliger Freiheit und Abgelöstheit von allem Störenden und Nervenaufpeitschenden zu heilen wäre. Wenn Ihnen meine Auffassung nicht überzeugend
scheint, gnädige Frau, dann rate ich Ihnen aufs Dringendste, Ihren Herrn Gemahl, ehe Sie ihn irgendeiner geschlossenen Anstalt übergeben, noch einmal, und zwar von Hofrat Gauster in Wien, untersuchen zu lassen – da unser großer, ich möchte sagen, unser unfehlbarer Keith-Ebner ja leider vor zwei Jahren gestorben ist.«
»Keith-Ebner?«, sagte Frau von Kellingrath, die von allen meinen Worten nur diese letzten aufgefangen zu haben schien – »jich kenne diese Name serr gut. Seijne Tochter, Frau von Waißnix, jist eine gute Freundin von meine Mann gewesen – muss jich jetzt sagen, denn die
beiden sind auseinandergekommen durch seijne letzte Abenteuer. Eijne vornehme Dame! Jich chabe jimmer Nachsicht gechabt mit die erotische Eskapaden von meijne Cherr Gemahl, jich bin keijne eifersüchtige Frau, aber jich muss meijne Kinder jihre Vatter erhalten …«
»Im Irrenhaus?«
»Im Irrenhaus, wenn er sich benimmt als Irrsinniger! Er tobt, er schlägt um sich, er zerbricht Spiegel – unsere große, schöne, venezianische Spiegel, eijn Erbstück von meijne erste Mann – Jesus Maria! Und jich bijn so abergläubisch! Er verschenkt Unsummen an fremden Leuten …« Hier hielten wir offenbar beim springenden Punkt!
»Das, was Sie vorbringen, gnädige Frau, ergibt, scheint’s, eher Gründe für einen Juristen, als Symptome für einen Irrenarzt! Wenn es Ihnen um den Vorwand für ein Entmündigungsverfahren geht, bitte ich darum, aus dem Spiel bleiben zu dürfen! Sie haben ja leider bereits das Zeugnis einer sogenannten Kapazität …«

Kellingrath hält die ganze moderne Gegenwart und insbesondere die Ehe mit seiner völlig aufs Materielle versessenen Frau nicht mehr aus. Die Hauptfigur in Martina Wieds Roman ist ein gewissermaßen Obdach suchender Geistesmensch. Nun (wir schreiben das Jahr 1890) findet der Kierkegaard-Forscher Zuflucht in der Landesirrenanstalt zu Sankt Stefan in Niederösterreich.
Seine Geliebte, die Baronin Priska Waißnix, die selbst in einer zerrütteten Ehe mit einem aristokratischen Nichtsnutz eingesperrt ist, bricht aus dieser ebenfalls aus und lässt sich als Krankenschwester Pauline in der Klinik anstellen, um weiter sorgend in seiner Nähe zu sein – so gut maskiert allerdings, dass Kellingrath sie zunächst gar nicht wiedererkennt in der Pauline-Gestalt. Auch der leitende Arzt kommt ihr nicht auf die Schliche, verliebt sich stattdessen selbst bald in die gleichermaßen vor Tugend und Hingabe strahlende Frau. Das alles klingt nach einem ergiebigen Komödienstoff. Aber er wird von Martina Wied mit gravitätischem Ernst und vollgültigem literarischen Pathos ausgeführt, auch wenn schräge komische Lichter immer wieder bei der Lektüre aufblitzen. Der Direktor der Klinik ist der Ich-Erzähler des Romans. Er ist sehr beeindruckt von seinem neuen, aus der Reihe fallenden Patienten, der etwas von einem Büßerheiligen hat. Mehr noch, er erkennt sich in ihm wieder – hat er sich doch selbst vor Jahren aus dem konkurrenzgeprägten Betrieb der Hochschulmedizin auf den Leitungsposten der Klinik zurückgezogen. Der Arzt freundet sich mit Kellingrath an. Sie führen tiefgründige Gespräche über die Welt und den Wahn, den Geist und die Materie, die Liebe und das Leiden und die Vorzüge des Rückzugs hinter geschlossene Anstaltsmauern. Kellingrath beschwört das Elend seiner Ehe und die Verlogenheit seiner Familie, die als „engherzige Bürgerrotte“ bezeichnet wird:

Wer unter solcher ‚Fürsorge‘ zeitlebens zu leiden gehabt hat wie ich, wird jeden Ort segnen, wo er vor Gatten- und Geschwisterliebe geschützt ist! Dort, wo ich bis jetzt gelebt habe, war ein Irrenhaus! Sie kennen meine Frau nicht. Ein weiblicher Shylock, der auf seinem Schein besteht – in diesem Fall ist’s der Trauschein. Ob ich dabei zugrunde gehe, ist für sie ohne Belang; geschieht’s – umso besser für sie, dann beerbt sie mich.

Eine gewisse Zauberberg-Atmosphäre umweht diesen Roman mit seiner reizvollen Mischung aus medizinisch akkurat geschildertem Klinikalltag und philosophischen Dialogen. Tatsächlich hat Martina Wied ihn 1925, kurz nach dem Erscheinen des „Zauberberg“, zu schreiben begonnen. Erstmals publiziert wurde er 1934, als Fortsetzungsroman in der „Wiener Zeitung“. Eine Buchausgabe gab es sogar erst 1950. In den letzten Jahren ihres Lebens war der Schriftstellerin noch etwas von dem literarischen Erfolg vergönnt, der ihr zuvor so hartnäckig versagt geblieben war. Ihre im Londoner Exil geschrieben Romane konnten erscheinen, und 1952 wurde sie als erste Frau mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur geehrt.
Am Ende hat es der Klinikdirektor fast geschafft, Kellingrath zu einem tätigen, aktiven Leben als Heilmittel gegen Melancholie und intellektuelle Selbstzerfleischung zu bekehren; schon hat er ihm eine Dozentenstelle in Toronto besorgt. Da taucht plötzlich wie ein Waldschrat ein alter Freund Kellingraths in der Klinik auf, erzählt biblische Gleichnisse und predigt Überwindung des Fleisches – und alle therapeutischen Fortschritte sind zunichte gemacht. Und dann kommt noch ein fatales Virus über die Welt und verschont auch Kellingrath nicht. Das liest sich im Jahr 2020 mit Wiedererkennungseffekt:

Es war hier bereits mehrfach von der Influenza die Rede, welche sich in diesem Winter nicht in der gewohnten zahmen Art eines Schnupfenfiebers gezeigt hatte, sondern in ihrer aus Rußland eingeschleppten, ursprünglichen und gefährlichen Form, die sich zu unserer Grippe verhält wie ein reißender Steppenwolf zu einem wohlwollend schnappenden Haushund. In Wien waren alle Spitäler überfüllt, die dunkle Drohung der Krankheit hatte alle Vergnügungsstätten gelichtet, der Mensch war dem Menschen bald nichts anderes mehr als eine mögliche Ansteckungsgefahr …

Die feministische Literaturkritik entdeckt gerne vergessene und zu Lebzeiten verkannte Schriftstellerinnen wieder. Auf Martina Wied ist sie bisher nicht verfallen. Es mag daran liegen, dass Wied nicht an einem neuen, modernen Bild der Frau gearbeitet hat. In ihrem Roman ist, durchaus der Vorstellungswelt und den Geschlechterdiskursen von 1890 entsprechend, schon mal von „Frauenzimmern“ die Rede, die zu Geschwätzigkeit, Gefühlsausbrüchen, Sentimentalität oder Hysterie neigen. Einmal klagt eine weibliche Figur allerdings auch über die Gesetze der „männererschaffenen Welt“.
Was überzeugt an diesem Roman? Weniger die Handlung als die knorrigen Charaktere, die sich in der Klinik die Klinke in die Hand geben. Vor allem aber die ausgefeilte und würzige Sprache der Autorin, ihre treffenden, oft von hintergründigem Witz gekennzeichneten Formulierungen. Nein, „Das Asyl zum obdachlosen Geist“ ist kein schlackenloser Klassiker, die es überhaupt nur selten gibt. Es ist ein schon zur Zeit seines Entstehens ein sperriges Buch. Heute empfiehlt es sich Lesern, die eine Lektüre mit dem Charme des Unzeitgemäßen zu schätzen wissen – faszinierend und mitunter auch etwas kurios.

WDR 3, Mosaik, 10.11.2020



Beobachtet und beschrieben wird John von Kellingraths Ausflucht von einem Arzt, seinerseits Direktor der Nervenheilanstalt und Ich-Erzähler des Bandes. Messerscharf seziert er die Psyche des schnell zum Freund werdenden Kellingraths, schnell wird auch klar, dass Kellingrath, zumindest was seine psychische Verfassung betrifft, nicht in die Anstalt gehört, sondern dass es eine Flucht nach vorne ist, die geistige Unzurechnungsfähigkeit als Ausweichmanöver vor gesellschaftlichen Erwartungen und Verantwortungen. Eingewiesen wurde Kellingrath zwar von seinem Bruder und seiner Frau, die sich so erhofften, über sein beachtliches Vermögen verfügen zu können, doch der gebildete Kellingrath weiss sich diesen Umstand zunutze zu machen und arrangiert sich schnell mit seinem Schicksal, ja, genießt sein asketisches Leben in höchster geistiger Zufriedenheit. Doch trotz aller Ausflucht, spätestens als sich eine ehemalige Geliebte von Kellingrath in die Anstalt schleicht, nimmt auch dieses neue Leben wieder andere Züge an.
All dies beobachtet der Direktor aus der Distanz aber mit steigender Besorgnis. Zwischen ihm und Kellingrath gibt es gewisse Gemeinsamkeiten, auch er hat sich abgewandt von gesellschaftlichem Druck und Erwartungen, als ihm das Leben an der Hochschule zu viel wurde und in der Anstalt seinen Platz und seinen Frieden gefunden. So sieht er zwangsläufig immer wieder Teile von sich selbst in Kellingrath, auch in Intellekt und Bildung sind sich die beiden Männer ebenbürtig, so sehr, dass bald auch eine gewisse Konkurrenz zwischen den beiden entsteht. Mit großer Beobachtungsgabe gesegnet, erkennt der Direktor aber auch diesen Umstand und zieht sich wieder zurück.
Es stand zu vermuten, dass Jäger verschiedene Erlebnisse aus verschiedenen Epochen seiner Existenz […], dass er diese zeitlich weit auseinanderliegenden, aber ursächlich zusammenhängenden Momente gleichsam in einen einzigen gedrängt hatte, und dass diese Verkürzung sein Schicksal enthielt.
Wied macht in ihrem Roman den Direktor zu einem geübten Beobachter, der mit durchschlagender Kraft die meisten Motive seiner Mitmenschen erkennt. Nebst den feinen Beobachtungen zeigen sich die Dialoge als zweites stilbildendes Element im Roman. Seitenlang werfen sich die wortgewandten Figuren Wörter um den Kopf. Verhandelt wird in den Dialogen meist das, was nicht nur in diesem Roman, sondern allgemein im Schaffen Wieds zentral ist; der Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben. Faszinierend am Roman ist, dass sich dieses zentrale Motiv an dreifacher Stelle gespiegelt sieht. Einerseits natürlich an Kellingrath, an dem sich diese Themen in dankbarer Art und Weise abhandeln lassen und auch am stärksten hervortreten. Andererseits am Direktor, der den Entwurf eines Lebens, welches Kellingrath anstrebt, bereits vollendet oder sogar perfektioniert hat. Als Drittes ist es die Anstalt selbst, die gleichsam als Nicht-Ort allen gesellschaftlichen Status der Bewohner abträgt und in unverstellter Kulisse Menschen aufeinanderprallen lässt. Man kann nur hoffen, dass der pessimistische Schluss nicht als abschließende Antwort auf diese Motive gelesen werden muss.
Die motivische Aufarbeitung von Martina Wieds Gesamtwerk, wie auch die Entstehungsgeschichte des Romans werden im Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl genauer beleuchtet. Entstanden ist Das Asyl zum obdachlosen Geist bereits 1925/26, wurde aber erstmals 1934 in Fortsetzung gedruckt und erst 1950 dann tatsächlich als Buch. Das hing auch mit Wieds Flucht 1939 zusammen, wie Polt-Heinzl aber genauer ausführt, ist Martina Wied heute mehr oder weniger komplett aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, obwohl sie beispielsweise die erste Frau war, die mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Es ist also wieder eines dieser Bücher: Bedeutend, von einer Frau zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts verfasst und mittlerweile völlig vergessen. Man kann sich nur freuen, ist Martina Wied nun in einer herausragend edierten und benachworteten Ausgabe wieder lesbar. Und man kann nur hoffen, dass ihr noch viele weitere bedeutende Werke und Schriftstellerinnen aus dem Vergessen folgen werden.

Bookgazette, Oktober 2020


„Das Asyl zum obdachlosen Geist“ – was für ein starker Titel für einen Roman. Er prägt sich ein und gibt die Themen vor, die Martina Wied umkreist. Allen voran der Rückzug des Ichs aus einer Welt, die ihm vollends fremd geworden ist. Das Buch, geschrieben Mitte der 1920er Jahre, nimmt also vorweg, womit sich die Kunst spätestens nach dem Zusammenbruch des Faschismus radikaler beschäftigen wird. Umso weniger versteht man, dass die Autorin in Vergessenheit geraten ist. Was sich nun ein Stück weit ändern könnte.
Der Roman taucht ab in den Mikrokosmos einer psychiatrischen Anstalt. John von Kellingrath, ein Intellektueller aus bestem Haus, scheitert an den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft und an den Ansprüchen an sich selbst. Von seiner geldgierigen Ehefrau in seiner Lebenskraft gelähmt, sieht er, so er sich nicht gleich umbringt, nur mehr einen Ausweg: den Rückzug in eine Irrenanstalt. Dort möchte er fortan im Verborgenen wirken und als Gelehrter ein schlichtes Dasein am Schreibtisch fristen. Eine Art Flucht in den Elfenbeinturm, für die er sogar die Entmündigung durch seine Familie riskiert. Doch der Direktor der Institution durchschaut das Manöver der Angehörigen und die Intentionen seines neuen Patienten. Er freundet sich mit ihm an und behandelt ihn respektvoll als Gast und nicht als Kranken. Vielleicht deshalb, weil er in Kellingrath sein eigenes Schicksal und sein Scheitern gespiegelt sieht, denn er hat seine Universitätskarriere abgebrochen und sich den Intrigen um die besten Positionen auf der Karriereleiter entzogen. Dass er von Wien aufs Land geflohen ist, um sich fortan den psychisch Leidenden zu widmen, erfährt er als eine Form der selbstgewählten Verbannung.
Dieser Mediziner ist es dann auch, dem Martina Wied die Rolle des Erzählers zuweist. Als solcher zeichnet er seine Erinnerungen an jene Monate auf, in denen sich in der Abgeschiedenheit der Klinik die Ereignisse unerwartet dramatisch zuspitzen. Kellingrath beginnt, durchaus passend zu seinem Seelenzustand, Kierkegaards Abhandlung „Entweder – Oder“ ins Deutsche zu übersetzen. Währenddessen schmuggelt sich seine einstige Geliebte ein, indem sie sich unter fremdem Namen als Pflegerin andient. Kellingrath erkennt sie nicht, verliebt sich aber ebenso in die junge Frau, wie der Arzt. Womit die drei Figuren auf eine bedrohliche Krise zusteuern.
„Das Asyl zum obdachlosen Geist“, vorab als Fortsetzungsroman in der Wiener Zeitung erschienen, kam in Buchform erst 1950 heraus. Da liegen, wie Evelyne Polt-Heinzl in ihrem informativen Nachwort erläutert, Martina Wieds bittere Jahre im englischen Exil hinter ihr. Man sprach der Autorin zwar den Großen Österreichischen Staatspreis zu, doch die Bedeutung des Romans wurde nicht wirklich gewürdigt. Was heute, aus der Distanz betrachtet, einfacher erscheint. Er ist ein Findling und steht allein in der Literaturlandschaft jener Tage, weil er die Krise des Bürgertums und des Individuums, wie sie sich sehr viel später als literarische Strömung manifestiert, scharfsinnig kommentiert. Auf diese Weise wird er zu einem frühen Seismogramm jener politischen und existentiellen Umbrüche, die das 20. Jahrhundert prägen.
Martina Wied macht es uns nicht ganz leicht. Ihr Roman spielt um 1890, und entsprechend sucht die Autorin, sich auch sprachlich in jene Zeit zu versetzen. Man muss sich an die verschroben-elegante Diktion gewöhnen, in der sich die Protagonisten verständigen. Zugleich aber spürt man, wie geläufig der Autorin die Handlungs- und Denkweisen der sogenannt besseren Wiener Kreise sind. Den Niedergang der bürgerlichen Werte analysiert sie glaubwürdig: die großspurige Hohlheit der Gespräche, die moralische Instabilität des schon morbiden K.u.k.-Reichs und den wachsenden Verlust jedweder persönlicher Integrität. Wer sich davon befreien möchte, dem bleibt nur die innere Emigration.
Beide Männer, Kellingrath ebenso wie der Arzt, sind Humanisten und sitzen dabei in starren Gedankengebäuden fest. Was sich nicht zuletzt in ihren erbitterten, mitunter langatmigen Diskussionen zeigt. Wie viel Verantwortung hat jeder einzelne für sich und seine Mitmenschen zu tragen und inwieweit muss er sein Streben nach Glück und persönlicher Entfaltung hintanstellen, um der Gemeinschaft und ihren Idealen zu dienen? Und überhaupt: Wie ist ein ethisch richtiges Leben möglich in einer Gesellschaft, die ihren Wertekanon längst verloren hat? Das sind die zentralen Fragen des Romans. In diesem Kontext ist die Kritik am Wissenschaftsbetrieb und an der bürgerlichen Kunst zu sehen, dieser sentimentalen, im Formalen erstarrten Perpetuierung traditioneller Formen. Dem Niedergang geweiht auch die Religion mit ihren Dünkeln und Obsessionen. Wobei mit Rettung ohnehin nicht zu rechnen ist: Kellingrath wird von einem Nervenfieber dahingerafft, seine Geliebte greift aus Kummer darüber in den Giftschrank.
„Das Asyl zum obdachlosen Geist“ ist ein ungerührtes, hellsichtiges Buch, das mit den Motiven des Doppelgängers, der Spiegelung und Täuschung und des Traums operiert. Der Anstaltsdirektor, wie ihn Martina Wied porträtiert, hat ebenso wie Freud bei Jean-Martin Charcot studiert und zweifelt zusehends mehr an den Möglichkeiten der Psychoanalyse und deren Heilsversprechungen. Er fühle sich als Vampir, heißt es, stets auf der Lauer nach Zwischentönen und Zweideutigkeiten und glücklich über jenen Moment, da er die Patienten in die Enge treiben und sie zum wissenschaftlichen Objekt degradieren kann. Was ihm bei John von Kellingrath nicht gelingt. Mit den Monaten bröckelt sein Selbstbild.
Er gerät in ein quälendes inneres Dilemma und findet sich schließlich als Olivenbauer in Italien wieder. Ein Happy-End? Eher eine weitere Flucht, ein weiteres Exil und keine Heimat auf Dauer. Die scheint ein für alle Mal verloren. Die allzu verführerischen Angebote des Faschismus aber sind zum Greifen nah.

ORF, Ex Libris, Susanne Schaber

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