ca. 200 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Leseband

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-51-0

Walter Gröbchen

MASCHINENRAUM

Technik – von Low- bis High Tech, vom Schreibtisch-Gadget bis zum Kernfusionsreaktor – durchdringt unser Dasein. Unsere Welt ist, ob wir das wollen oder nicht, zum „Maschinenraum“ geworden. Ihn zu betrachten, zu beschreiben, zu vermessen und letztlich zu begreifen, ist ein Gebot der Stunde. Hier kommt die Gebrauchsanleitung.

Seit über zehn Jahren schreibt der Wiener Musikverleger und Publizist Walter Gröbchen eine wöchentliche Kolumne, zunächst für „Die Presse“, aktuell für die „Wiener Zeitung“. Sein „Maschinenraum“ widmet sich dem weiten Feld der Technik, scheut aber auch nicht gelegentliche Ausflüge in die Weiten des Alls, der Zukunftsspekulation und Science-Fiction-Literatur. Wesentlich ist, dass die Beobachtungen und Anmerkungen aus der Sicht eines kritischen Konsumenten, nicht eines Experten erfolgen.

Die Bandbreite der Texte ist beachtlich. Sie reicht von launigen, meist mit leiser Ironie, gelegentlichem Enthusiasmus oder kritischer Distanz unterfütterten Produkt-Tests über die Hinterfragung von Trends, Phänomenen und Novitäten bis zur dringlichen Erörterung von Topics, die gemeinhin Ressorts wie Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft zufallen.

Maschinenraum ist der Versuch einer lustvollen, nicht mit Fachsprache, Hard Facts und technischen Details überfrachteten Expedition in den Alltag eines Durchschnitts-Users, ein Wechselspiel zwischen Information, Unterhaltung, Kontroverse und Polemik.

Die Reparatur der Zukunft

Man kann die Katastrophe auch als positive Disruption deuten. Haben wir eine andere, zweite Chance?


Seltsames Gefühl, sich plötzlich mitten in einem hyperrealistischen Science-Fiction-Film, den man noch nicht fünfmal gesehen hat, wiederzufinden. Gerade habe ich die Zeitung – es ist jene, die Sie in Händen halten (oder am Bildschirm lesen) und für die ich diese Zeilen schreibe – aus dem Postfach gefischt; sie ist deutlich dünner als sonst. Und es würde mich nicht wundern, wenn sich im Amtsblatt schon die Konkurseröffnungen mehren, so wie in italienischen Regionalblättern die Todesanzeigen längst mehr Raum einnehmen als die redaktionellen Verlautbarungen. Ich bin doppelt froh, dass mir die Kollegin in ihrem Homeoffice, das nun als Redaktionszentrale fungiert, mitgeteilt hat, man versuche so gut wie möglich den Normalbetrieb aufrecht zu erhalten.
Klinge ich zu dramatisch? Ich fürchte: nein. Der alte chinesische Fluch “Mögest Du in interessanten Zeiten leben!” hat sich in einer Weise bewahrheitet, die uns vor wenigen Tagen noch unvorstellbar schien – sieht man von Autoren dystopischer Zukunftsromane, Börsenprofis mit Hang zu Hebelscheinen (die auf Verluste setzen und gerade unglaubliche Profite einfahren) und notorischen Schwarzmalern ab. Die Welt da draußen ist eine deutlich andere geworden. Können wir uns drinnen verkriechen – in unseren Wohnhöhlen, unseren Heimbüros, im Innersten in uns selbst? Hier hat die Psychologie akut mehr zu sagen als das Innenministerium oder das Arbeitsmarktservice.

Seltsamerweise bin ich weder panisch noch pessimistisch. Es gibt keine belegbaren Gründe dafür, weil ja nach dem medizinischen Tsunami der wirtschaftliche Kollaps droht. Auch mir und meinem Business, einem der vielen kleinen Kulturbetriebe. Trotz Instant-Solidarität und 38 Milliarden-Euro-Hilfspaket. Wird man Geldbündel demnächst aus dem Helikopter abwerfen? Es sind – der Zukunftsforscher Matthias Horx (der auch schon oft genug in den Gatsch gegriffen hat, aber) beschreibt die ungeheure Disruption in einem Text namens “Die Welt nach Corona” recht plastisch – Silberstreifen am Horizont auszumachen, dass die Politik, die Gesellschaft, ja die Menschheit per se aus dem Geschehen lernt. Selbst in Hotelbars in Ischgl oder im gepolsterten Chefbüro in der Nationalbank wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Und es muss dezidiert nichts Schlechteres nachkommen.
“It’s the end of the world as we know it”, um die Pop-Sentimentalisten R.E.M. zu zitieren, “but I feel fine”? Ja. Ö1 hat gerade, wunderbar passend, “Die Reparatur der Zukunft” manifestiert. “Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten”, schreibt Horx. “Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellen sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. (…) Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.”

Die Krise als Chance zu definieren kann ungeheuer tumb, ja zynisch sein. Aber haben wir eine andere, zweite Chance? Im Idealfall ist eine Katastrophe ein Reifungsprozess neuer und Wiederentdeckungsprozess alter Kulturtechniken, ein Motor medizinischer Forschung, ein Fortschritt im wahrsten Sinn des Wortes. Hoffen wir das Beste.

Top