Mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder
174 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Leseband

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-79-4

Als E-Book in allen einschlägigen Stores erhältlich.

Juliane Kay

Zwei in Italien

Ein Mann und eine Frau fahren mit dem Automobil nach Italien. Beide sind alleinstehend, man ist bereits in der reiferen Lebensphase angekommen und weiß um die Gefahren des Sich-Verliebens. Man hat Respekt vor der Liebe und noch mehr vor ernsthaften Beziehungen. Ein Sittenbild der fünfziger Jahre, flüssig und modern erzählt.

Es ist die Geschichte einer (namenlosen) Innenarchitektin und ihres Freundes Paul, die hier mit viel Witz und Charme erzählt wird. Paul ist Architekt, ihn erwartet ein größerer Geldbetrag in Rom, dorthin soll die gemeinsame Reise gehen – nachdem sie sich ausdrücklich versichert haben, dass sie keine Liebe, sondern nur Freundschaft füreinander empfinden. Beide sind alleinstehend, eine Anziehung ist da, doch man ist bereits in der reiferen Lebensphase angekommen und weiß um die Gefahren des Sich-Verliebens. Man hat Respekt vor der Liebe, und noch mehr vor ernsthaften Beziehungen.
Doch schon zu Beginn der Reise zeigt es sich, dass Theorie und Praxis recht verschiedene Dinge sind. Es kommt zu mancherlei Komplikationen, und außerdem erweist sich Paul als reichlich launenhafter Begleiter. Je schwieriger er wird, desto souveräner wird seine Freundin.

Was Juliane Kay mittels der heiteren Reiseerzählung verhandelt, ist die ewige Frage nach der Freundschaft zwischen Mann und Frau. Muss eine solche Freundschaft „rein“ bleiben, riskiert man ihr Ende, sobald man sich „hinreißen“ lässt? Und – der Roman wurde auch in den fünfziger Jahren geschrieben – ist es schicklich für eine Frau, mit einem Mann, der nicht der Gatte ist, zu verreisen?

Ein Roman über das Geschlechterverhältnis in den fünfziger Jahren. Mit Reflexionen über das Älterwerden und die vielfältigen, auch widersprüchlichen Anforderungen an Frauen.

„Dieses Zimmer“, sagte er sinnend, „ist ausgesprochen gemütlich, behaglich …“ Und ohne den Ton zu ändern, mit gelassener Ruhe, fügte er hinzu: „Ich weiß nicht, ob zwei kluge, vernünftige Leute nicht EINE Entgleisung riskieren könnten, um dann nie wieder daran zurückzudenken …“
Ich wusste, dass vernünftige Leute dergleichen riskieren konnten, aber ich wusste auch, dass es schwer sein würde, nie wieder daran zurückzudenken. Was ich fühlte, war die alberne, nackte Angst, nochmal und wiederum in den Brunnen zu fallen.

Immer schon hatten wir uns viel auf unsere Freundschaft eingebildet. Wir fanden sie anders als andere Freundschaften und betonten ihr heiteres Schweben in unstofflichen Räumen. Wir lächelten nachsichtig über Liebes- und Leidensgeschichten.
Liebe, sagten wir, sei eine Reise – mit Etappen und Aufenthalten – von Ägypten nach Island. Immer dieselbe Reise. Bestenfalls befände man sich zuletzt auf einer Mittelstation im Zustand wohltemperierter, gelassener Freundschaft.
Darum fanden wir es zweckmäßiger, die Liebesgeschichte zu umgehen und uns von Anfang an einer dauerhafteren Sache zuzuwenden. Außerdem standen wir nicht in der ersten Jugend. Eher standen wir in der vorletzten Jugend.
Was mich betraf, so war ich es müde geworden, mich mit Komplexen herumzuschlagen und die Mühen und Plagen der Eitelkeit zu ertragen. Ich fand, dass der ewige Kampf um ihn – wenn man die Lupe der kaltblütigen Vernunft nahm und ihn innen und außen scharf betrachtete – sich in den seltensten Fällen lohnte.
Ich hatte einige »Ihns« gekannt. Anfangs hatte ich sie geblendet und lupenlos gesehen und sie als bedeutungsvolle, erstrebenswerte Geschöpfe bezeichnet. Später waren ihre Fehler und Eigenarten wie Maden aus prunkvollen Äpfeln gekrochen. Sie hatten allesamt faule Stellen. Ich auch. Aber lieben bedeutet, sich gegenseitig seine Fehler zu verzeihen – nachdem man sich lange bemüht hat, die eigenen zu verbergen und die des anderen zu übersehen.
Ich wollte nichts mehr verbergen und nichts mehr übersehen.
Paul sagte, ihm ginge es ebenso. Er wollte es gemütlich haben. Es sei entsetzlich anstrengend, dauernd zärtlich zu sein. Wäre man aber nicht dauernd zärtlich, so seien die Frauen beleidigt. Beleidigte Frauen aber seien das Ärgste, was man ihm zumuten könne.
Später erfuhr ich, dass es noch andere Dinge gab, die man ihm nicht zumuten konnte. Beispielsweise Pyjamas, an Stelle der Nachthemden, die er bevorzugte.
In Gegenwart liebender Frauen allerdings, sagte er, sei er gezwungen, Pyjamas zu tragen, die ihn überall kniffen, sodass er kein Auge schließen könne. Zudem, sagte er, hätten liebende Frauen das Bedürfnis, an seiner Schulter zu schlafen. Seine Schulter aber habe das Bedürfnis, den Kopf der liebenden Frau abzuschütteln. Davon wache die liebende Frau dann meistens auf. Und wenn er sich umdrehte, sei sie beleidigt. Beleidigte Frauen aber …
Aus allen diesen Gründen fanden wir, dass unsere Freundschaft das Beste war, was man uns hatte bieten können – wir lobten und priesen sie und hätten sie täglich gepriesen, wenn wir uns täglich gesehen hätten.
So aber, wie die Dinge nun einmal lagen, lebten wir in verschiedenen Städten, und oftmals vergingen Wochen und Monate, ehe wir uns wiedersahen.
Manchmal gefiel es dem Schicksal, uns an den gleichen Arbeitsplatz zu stellen, manchmal aber, meistens, gefiel es dem Schicksal nicht. Darum war es ein außergewöhnlicher Tag, an dem Pauls Brief kam. Kein gewöhnlicher Tag, kein gewöhnlicher Brief.

In diesem Brief stand, dass er zwei Wochen Zeit hätte, dass er Geld in Italien liegen habe und dass er Lust hätte, zu reisen. Bis dahin las ich den Brief mit wohlwollendem Neid.
In den nächsten Zeilen aber stand, dass er es nett fände, wenn ich mitkäme, es sei langweilig für ihn, den Mammon allein zu verbrauchen.
Plötzlich hörte ich Palmen rauschen und sah Paläste und Säulen. Ich war noch nie in Italien gewesen, aber ich hatte mir lebenslänglich gewünscht, dort zu sein.
Ich war so glücklich, dass ich eine Stunde lang kettenrauchte. Dann wartete ich auf den Schaden, den ich davontragen musste, sofern die warnenden Nikotinartikel in den Zeitungen recht hatten. Aber vorläufig trug ich ihn nicht davon.
Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich vor längerer Zeit Lire verdient hatte, die noch unbenützt dalagen. Eine kleine Summe, aber sie würde Pauls Mammon abrunden.
Wenn ich rechtzeitig telegrafierte, würde der Rechtsanwalt, der die Lire verwaltete, sie für mich abheben können. Der Rechtsanwalt wohnte in Bozen, und ich hatte ihn früher gut gekannt.
Und dann fiel mir ein, dass meine Koffer, die solid, aber betagt wirkten, nicht zu Pauls Mercedes passen würden (Luxusausführung, lang gestreckt, mit viel Wagen vorne und hinten).
Aber irgendjemand würde mir Koffer leihen. Von da an rannte ich. Ich rannte zum Telegrafenamt, ich rannte zu Else, die mir den großen, und zu Helga, die mir den kleinen Koffer lieh. Dann kaufte ich eine Kappe, nicht der Kappe, sondern des Schleiers wegen, der an ihr hing und dessen Rand gerade dort über meine Nase lief, wo der Kummer saß. Der Kummer bestand darin, dass die Nase sich erstmals entschlossen hatte, sanft nach Süden zu wandern und dann die Richtung verloren hatte, sodass sie ein wenig fragend in der Luft stand.
Ich lief und rannte und packte ein. Zuletzt kamen noch drei Telegramme. Im ersten stand, dass ich in Salzburg abgeholt werden würde, dass wir aber nach München müssten, weil Paul am nächsten Morgen noch dort zu tun hätte. Im zweiten stand, dass ich einen Tag früher kommen sollte. Im dritten stand, dass ich noch einen Tag früher kommen sollte. Dadurch geriet ich in eine Art Strudel, aus dem ich mich nur mit Mühe wieder herausfand.
Dann fuhr ich ab.

Die Überlesenen: Juliane Kay

Wie in jedem Frühjahr erscheinen auch in diesem wieder viele neue Bücher. Die Autorinnen und Autoren warten auf Besprechungen, die Verlage auf gute Umsatzzahlen. Wir halten einen Augenblick inne angesichts all der neuen Titel und schauen zurück und fragen, was eigentlich mit früheren wichtigen Büchern geschehen ist. In unserer Reihe „Die Überlesenen“ stellt Ihnen Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor. Zum Beispiel die österreichische Schriftstellerin Juliane Kay.
Im letzten Jahr erschien ein alter, vollständig vergessener Roman von Juliane Kay neu. Ein Roman, der, der nichts an Unterhaltungskraft und Klugheit eingebüßt hat: „Zwei in Italien“.
Wiederentdeckt hatte ihn der Literaturredakteur des österreichischen Rundfunks, Peter Zimmermann:
„Ich bin auf Juliane Kay durch die Recherche an einer ganz anderen Geschichte aufmerksam geworden. Ich bin auf ein Stück namens 'Leni' gestoßen - da gab es eine Verfilmung der Österreichischen Fernsehens 1966. Das ist die Geschichte einer jungen Frau in Wien, die drei uneheliche Kinder hat. Sie betreibt ein kleines Geschäft. Das fand ich schon sehr außergewöhnlich in dieser Zeit, in dem damals sehr konservativen Österreich. Ich bin dann dieser Autorin, die ich überhaupt nicht kannte, nachgegangen: Sie war nach 1945 bis Anfang der 60er Jahre eine der meistbeschäftigten Drehbuchautorinnen des deutschen - also nicht nur des österreichischen - Films, und sie galt damals als die meistgespielte österreichische Dramtikerin. Es hat mich sehr verwundert, dass diese Autorin heute vollkommen vergessen ist.“
1957 erschien der Roman „Zwei in Italien“. Juliane Kay war Ende 50, vier Jahre vorher war ihr ein deutscher Bundesfilmpreis verliehen worden als beste Drehbuchautorin für die erfolgreiche Ehekomödie "Vergiss die Liebe nicht". In diesem Film kehrt die vernachlässigte Ehefrau und Mutter nach einem kurzen Ausbruchsversuch am Ende brav wieder in die Familie zurück. Das musste damals so sein, auch wenn man diesen reumütigen Entschluss der Heldin heute nicht wirklich versteht.
Peter Zimmermann:
„Es ist in diesem Film – wie in vielen andere Filmen, die sie gemacht hat – in der Regel immer die Frau, die die Initiative übernimmt, die zwar die Möglichkeit hätte, auszubrechen, am Ende obsiegt dann doch immer die Pflicht, aber sie geht am Ende doch gestärkt in diese Beziehung hinein, weil sie gezeigt hat: es hängt doch in erster Linie von ihrer Aktivität und Entscheidung ab.“
Im Zentrum des Romans „Zwei in Italien“ steht dagegen eine berufstätige Frau, die genug von all den Liebesspielen zwischen den Geschlechtern hat, von den - wie man heute sagen würde - eindeutigen Rollenverteilungen.
Juliane Kay: „Was mich betraf, so war ich es müde geworden, mich mit Komplexen herumzuschlagen und die Mühen und Plagen der Eitelkeit zu ertragen. Ich fand, dass der ewige Kampf um ihn – wenn man die Lupe der kaltblütigen Vernunft nahm und ihn innen und außen scharf betrachtete – sich in den seltensten Fällen lohnte.“
„Zwei in Italien“ ist ein Reiseroman, ein literarischer Roadtrip. Zwei Menschen machen eine Autofahrt nach Rom. Beide sind nicht mehr ganz jung – und das Besondere: sie sind k e i n Paar – sie sind gut befreundet und arbeiten gerne zusammen. Beide sind gerade Singles – damals sagte man alleinstehend – und haben die Liebe mit all ihren Kompromissen und Verrenkungen satt. Deswegen fragt er die Freundin, ob sie ihn nach Rom begleiten wolle. Keine erotische Absicht steckt dahinter. Er möchte nicht alleine fahren, gemeinsam mit ihr eine harmonische Zeit verbringen. Er freut sich darauf, ihr ein kundiger Reiseführer zu sein. Und für sie wird ein Traum wahr. Italien!
Kay erzählt von einer emanzipierten Frau in einer Zeit, in der Frauen besser folgsame Hausfrauen sein sollten
Das Ungewöhnliche an dieser heiter erzählten Geschichte (am Ende werden sie doch ein Liebespaar, aber das stört nicht weiter) ist wirklich die namenlose Erzählerin. Sie ist eine beeindruckend kluge Person, die auf das alberne männliche Imponiergehabe und dümmliche weibliche Verhaltensweisen mit scharfem Blick schaut. Sie ist eine emanzipierte, eine selbstständig handelnde und denkende Frau – in einer Zeit, in der die Frauen doch besser folgsame und brave Hausfrauen sein sollten.

rbbKultur, Manuela Reichart März 2022



Das Glück führt nach Rom

In ihrem Roman Zwei in Italien, der zuerst 1957 erschien, erzählt Juliane Kay von einer Reise mit Hindernissen, von unkonventionellen Lebensentwürfen und ebenso unkonventionellen Geschlechterrollen. Stefana Sabin hat den Roman gelesen und fand die Mischung aus milder Emanzipation und verbrämter Tradition unterhaltsam.


In einem Artikel in der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ von 1951 wurden mehrere österreichische Romane besprochen, und es wurde festgestellt, dass es eine „Reihe ausgezeichneter Schriftsteller“ in Österreich gäbe; zu ihnen wurde neben Heimito von Doderer und Hans Weigel, die heute noch einigermaßen bekannt sind, auch Juliane Kay gezählt, die inzwischen vergessen ist und die der Milena Verlag wiederentdecken möchte.
Jetzt ist der Roman Zwei in Italien erschienen – einer von etwa elf Romanen, die Juliane Kay, 1899 als Ernestine Aloisia Smreker in Wien geboren, in den 1950er Jahren veröffentlicht hat. Denn von ihrem allerersten Roman an, der schon 1923 erschien, war sie eine fruchtbare und vielfältig tätige Autorin. Kay, die ausgebildete Schauspielerin war und in Wien, München und Berlin auftrat, ignorierte die politischen Widrigkeiten, ohne sich zu kompromittieren und wurde zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit. Sie schrieb Theaterstücke – Der Schneider treibt den Teufel aus, 1938 am Berliner Lustspielhaus uraufgeführt, und Vagabunden, 1943 am Theater in der Josefstadt uraufgeführt, sind vielleicht ihre größten Erfolge – und Filmdrehbücher. Für das Drehbuch zu Vergiß die Liebe nicht, eine, so das Lexikon des internationalen Films, „heiter-besinnliche Ehekomödie“, erhielt sie 1953 die Silberne Schale des Bundesfilmpreises. Über Jahrzehnte hinweg lieferte Kay Liebes- und Ehekomödien für die Theaterbühne und die Kinoleinwand. Als sie 1968 in Wien starb, hatte sie zwanzig Romane, acht Theaterstücke und fünfundzwanzig Drehbücher geschrieben, die allesamt als „angenehme Unterhaltung“ („Der Spiegel“) bezeichnet werden können.
Eine „angenehme Unterhaltung“ ist auch den Roman Zwei in Italien. Es ist die Geschichte einer Italienreise, die ein Mann und eine Frau gemeinsam unternehmen. Spätestens seit Goethe ist die Italienreise ein literarischer Topos: die Bildungsreise als Reise zu sich selbst, als intellektuelle und emotionale Selbstfindung. Im 20. Jahrhundert schwappte die Italiensehnsucht in die Unterhaltung über und wurde entsprechend verklärt: das Glück lag unter Palmen am Meer. So beschwor das Lied Capri-Fischer von Gerhard Winkler (Musik) und Ralph Maria Siegel (Text) die südländische Landschaft („Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,/ Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt… „) und die romantische Liebe („Bella, bella, bella Marie, / Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh, / Bella, bella, bella Marie, / Vergiß mich nie.“). 1941 entstanden, im Frühjahr 1943 im Rundfunk ausgestrahlt, wurde dieses Lied schon im Sommer 1943 nach der Landung der Alliierten auf Sizilien verboten – und gleich nach Ende des Krieges wieder zum Schlager, ja zum Prototyp jener Nachkriegsexotik, für die die Italienreise in der Wirtschaftswunder-Ära stand.
So übernahm Kay in ihrem Roman einen bewährten literarischen Topos und reicherte ihn an mit gesellschaftlichen Klischees (wie der Unzuverlässigkeit der italienischen Behörden) und romantischen Fantasien (wie der Leidenschaftlichkeit des ‚Latin lover‘). Zwar schuf Kay eine für die Entstehungszeit des Romans geradezu emanzipierte Ich-Erzählerin, die selbständig arbeitet und ungebunden ist, raucht und Hosen trägt und in der Hotelbar alleine an der Theke sitzt. Aber diese modernen Elemente milderte Kay durch eine traditionelle Liebesgeschichte, die sich auf der Reise entfaltet und nach einigen Volten in Rom ihre Vollendung in einem implizierten Heiratsantrag findet.
Entsprechend den moralischen Vorstellungen der 1950er Jahre, als der Roman entstand, wird immer erwähnt, dass die beiden Reisenden getrennte Hotelzimmer buchen und auch sonst ist die Figuren-Konstellation durchaus traditionell: Der Protagonist ist Architekt, übt also einen ‚männlichen‘ Beruf aus und ist wohlhabend, während die Ich-Erzählerin als Dekorateurin einen ‚weiblichen‘ Beruf ausübt und stets finanzielle Sorgen hat. Er ist rational, sie ist emotional.
Aber als geschickte Theaterautorin beherrschte Kay dramaturgische Kunstgriffe, und so ließ sie die Handlung mit einer Verdrehung beginnen: Paul, der Architekt, bekommt sein Honorar nicht ausgezahlt und ist auf das Geld der Ich-Erzählerin angewiesen, was nicht nur seine ursprüngliche Reise-Einladung gewissermaßen zunichte macht, sondern auch die herkömmlichen Geschlechterrollen umkehrt. Dass er sich nur schwer in die neue Rolle findet und sie keineswegs die neue Macht ausnutzt, ist wiederum traditionell.
Vielleicht ist es gerade diese wohltemperierte Mischung aus milder Emanzipation und verbrämter Tradition, die gepaart mit einer flotten Handlung und sympathischen Figuren dem Roman eine unterhaltende Wirkung verleiht.

faustkultur.de, Stefana Sabin, Februar 2022


Dieser Roman ist eine Entdeckung: Intelligent und unterhaltsam und – und vor allem - im Zentrum steht eine ungewöhnliche Frauenfigur, eine berufstätige Ich-Erzählerin, eine, die sou-verän auf die Verirrungen der Liebe, auf die ewig weibliche Suche nach d e m Richtigen schaut.
1957 erschien „Zwei in Italien“ von Juliane Kay. Die Autorin war Ende 50, vier Jahre vorher war ihr ein deutscher Bundesfilmpreis verliehen worden als beste Drehbuchautorin für die erfolgreiche Ehekomödie „Vergiss die Liebe nicht“. In diesem Film kehrt die vernachlässigte aufmüpfige Ehefrau und Mutter am Ende brav wieder in die Familie zurück. Das musste da-mals so sein, auch wenn man diesen reumütigen Entschluss der Heldin heute nicht wirklich versteht.
Juliane Kay war eine versierte, eine erfahrene Autorin; in der Jugend stand sie als Schauspiele-rin auf der Bühne, begann dann – erfolgreiche – Theaterstücke, später Filmdrehbücher zu schreiben. In den 1960er Jahren endete ihre Karriere, obwohl sie noch eine Reihe Romane veröffentlichte, die ihr jedoch keine besondere Aufmerksamkeit mehr einbrachten. Heute ist sie vergessen – und der Milena Verlag ist gar nicht genug zu loben, dass er „Zwei in Italien“ wieder herausgebracht hat, mit einem kundigen Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Ve-ronika Hofeneder, die der Autorin attestiert, mutig sei an dieser Geschichte nicht zuletzt die Darstellung der traditionellen Geschlechterrollen als durchlässig und veränderbar sowie der Fokus auf eine emanzipierte Frauenfigur, die mit Selbstbewusstsein, Professionalität und Witz alternative Verhaltensweisen und Handlungsspielräume für Frauen eröffnet.
„Zwei in Italien: Das ist ein Reiseroman, ein literarischer Roadtrip. Zwei Menschen machen eine Autofahrt nach Rom. Beide sind nicht mehr ganz jung, sie ist freiberufliche Innenarchi-tektin, er ist Architekt – und das Besondere: Sie sind k e i n Paar, sie sind gut befreundet und arbeiten gerne zusammen. Beide sind gerade Singles – damals sagte man alleinstehend - und haben die Liebe mit all ihren Kompromissen und Verrenkungen satt, deswegen fragt er die Freundin, ob sie ihn nach Rom begleiten wolle. Keine erotische Absicht steckt dahinter. Er möchte nicht alleine fahren, gemeinsam mit ihr eine harmonische Zeit verbringen. Er freut sich darauf, ihr ein kundiger Reiseführer zu sein. Und für sie wird ein Traum wahr. Italien! Nur am Rande geht es um die Frage, ob es denn schicklich sei für eine Frau und einen Mann, die nicht verheiratet sind, gemeinsam zu reisen. Man schreibt die 50er Jahren, in denen auch der Wäh-rungstransfer noch kompliziert war, man durfte nicht beliebig viel Geld aus – und einführen. Das spielt hier eine Rolle, denn in Italien soll er sich einen größeren Geldbetrag abholen, und da fängt es dann an schwierig zu werden: Er bekommt das Geld nicht, die Bürokratie ist gren-zenlos, er muss also aus ihrer Urlaubskasse leben - und warten. Das fällt ihm sichtlich schwer. Es kommt zum Streit, in den sich bittere Töne und Erfahrungen mischen, Zorn, der die schöne Reise fast beendet.
Das Ungewöhnliche an dieser heiter erzählten Geschichte (am Ende werden sie doch ein Lie-bes-Paar, aber das stört nicht weiter) ist wirklich die namenlose Erzählerin. Sie ist eine beein-druckend kluge Person, die auf das Imponiergehabe, die Verhaltensweisen der Männer mit scharfem Blick schaut. Zum Beispiel: Wenn ihr Freund sie mit der rüden Absage eines ge-meinsamen Auftrags gekränkt hat, aber nun seinerseits gekränkt spielt, damit sie vergisst, dass er sie gekränkt hat und er kein schlechtes Gewissen haben muss.
Es sind jedoch nicht nur die Männer, denen die genaue und süffisante Betrachtung der Auto-rin gilt, sie denkt auch über dümmliche weibliche Verhaltensweisen nach, übers Altern, über langweilige Liebesrangeleien, über die Ungleichheit der Geschlechter. In den 1950er Jahren war es denn auch ziemlich ungewöhnlich, dass die Heldin, als ihr Freund mit einer besonders blöden Frau heftig flirtet, sich absetzt, um alleine und trinkfest in eine Bar zu gehen. Dort lernt sie einen berühmten Filmschauspieler kennen, mit dem sie dann die weitere Nacht ver-bringt. Der italienische Beau ist von ihr beeindruckt, endlich einmal eine Frau, die nicht nur ans Bett denkt, wenn sie ihn sieht.
Die Erzählerin ist eine emanzipierte, eine selbständig handelnde und denkende Frau – in einer Zeit, in der die Frauen doch besser folgsame und brave Hausfrauen sein sollten. Dass Juliane Kay eine versierte Drehbuchautorin war, das merkt man an diesem rasant erzählten Roman, der punktgenaue Dialoge hat. Und: In Zeiten, in denen das Reisen nicht gerade einfacher wird, begleitet man die Beiden besonders gerne auf ihrer Fahrt, staunt mit ihnen über die Spu-ren der römischen Geschichte - und schaut auf der Via Appia mit der Heldin in die Sterne.

ORF, Ö1, Ex Libris, Manuela Reichart, Jänner 2022

Top