€ 25.00

ISBN 978-3-903460-46-1
ca. 220 Seiten
gebunden mit Leseband
Erscheint September 2025

Bestellen

Unsere Bücher sind natürlich auch ganz normal im Buchhandel erhältlich.

Karin Ivancsics

Sansibar

Erkundungen eines Paradieses

Sansibar boomt als Urlaubsdestination, seit die Insel 2020 für coronafrei erklärt wurde und damit Tausende TouristInnen anlockte, die Infrastruktur und Leben der Einheimischen auf den Kopf stellten. Karin Ivancsics hat ein Buch über dieses „Paradies“ im Indischen Ozean geschrieben, das sie vor einigen Jahren für sich entdeckte.

Sansibar – welch klangvoller Name! 2017 entdeckte Karin Ivancsics die kleine ostafrikanische Insel mit ihrem türkisblauen Meer und den endlos weißen Sandstränden für sich als idealen Rückzugsort. Die vielgereiste Autorin schreibt über Ebbe & Flut, Flora & Fauna, das Kommen & Gehen historischer Persönlichkeiten wie Prinzessin
Salme, Tochter des damaligen Sultans, die 1866 einen deutschen Kaufmann heiratete und mit ihm nach Hamburg fl oh, oder den österreichischen Afrikaforscher und Konsul Oskar Baumann, der sich zur selben Epoche in der Hauptstadt Stone Town aufhielt. Sie berichtet über die Auswirkungen der Kolonialgeschichte, Revolution, Religion, Kultur und aktuelle (gesellschafts-)politische Verhältnisse – und stellt, wie Salme im 19. Jahrhundert, Vergleiche mit Europa an.
Auf sehr persönliche Art erzählt Ivancsics vom Alltag der Einheimischen in den Dörfern; sie lässt die Nachbarn in vielen Gesprächen ihre eigenen Geschichten erzählen und Hotelbesitzer, Expats, Touristen, NGOs, Massai und andere Gastarbeiter vom Festland Tansania zu Wort kommen, verbindet deren Ansichten mit eigenen Überlegungen und Erlebnissen und zeichnet so ein vielfältiges und facettenreiches Bild der Insel, ein Kaleidoskop funkelnder Eindrücke. Karibu, willkommen!

Sansibar ist kein belehrender Reiseführer, sondern eine Erkundung, die die unterschiedlichsten Facetten von Sansibar aufblitzen lässt. Diese Schlaglichter leuchten auf uns zurück und bieten vielfach Anlass, unsere Einstellungen in diesem Licht zu betrachten und zu hinterfragen. Wer sich nach der Lektüre noch immer nicht nach dem Rauschen der Wellen und dem vielstimmigen Singsang der sansibarischen Tierwelt sehnt, der sehnt sich zumindest danach, wieder einmal offen auf das „Andere“ zuzugehen
– und sei es die Nachbarin oder der Nachbar. Hakuna matata.

Auf Sansibar gehen die Menschen fast alle Wege zu Fuß.
An öffentlichen Verkehrsmitteln gab es bis vor ein paar Jahren nur die einfache Version der daladalas: In den Pick-ups und Kleinbussen wurden serienmäßige Bänke demontiert und mit platzsparenden geschweißten Eigenbauten bestückt: Statt drei hinteren Bankreihen gibt es fünf und statt drei Sitzen nebeneinander vier. Nicht selten sitzen Fahrgäste auch auf den hinteren Stoßstangen oder in Fensteröffnungen, sodass nur der Hintern herausschaut. Die Sammeltaxis fahren unregelmäßig und sind bis auf den letzten Platz besetzt, die Dächer vollgepackt mit allem möglichen Kram, festgezurrte Taschen mit Lebensmitteln und Hausrat, Holzkäfige mit Hühnern – als mzungu wird man für dich zur Seite rücken – karibu sana! Inzwischen sind auch komfortablere Mini-Busse mit Originalsitzen sowie verglasten Fenstern, und Tuktuks im Einsatz.
Auch ich war viel zu Fuß unterwegs. Die Dörfer kann man teilweise bequem über den Strand erreichen, manchmal, wenn Felsen das Weiterkommen unmöglich machten oder ich auf die Flut vergessen hatte, unternahm ich überraschende Ausflüge über Stock und Stein, an abgeschiedenen Höfen vorbei und durch Tiergehege hindurch. Eine meiner liebsten Vergnügungen, wenn ich am glitzernden Rand des Ozeans entlangspazierte, war der Tanz mit den Krebsen. Meine Schritte gaben den Takt an: Trat ich leise auf, verzögerten und verlangsamten sich ihre Bewegungen, beschleunigte ich und setzte ich die Füße fester auf, flitzte es vor meinen Augen, Bälle wurden eingelocht, Beinchen liefen schneller, Weiß in Weiß, Ton in Ton. Sobald die Sonne zu stark auf meinen Kopf brannte, ruhte ich mich unter einer Palme aus, holte die Kamera hervor und zoomte die Tiere heran, suchte ihre schönen großen Augen.

Der Schulweg beträgt oft mehrere Kilometer, einige Kinder borgen sich Fahrräder aus, auf denen sie Freunde oder jüngere Geschwister mitnehmen. Nach Unterrichtsschluss säumen sie in weißen, blauen, grünen und orangenen Trachten die Straßen, sie singen und lachen, ein Tatzelwurm händchenhaltender, fröhlicher junger Mädchen und Burschen, der sich durch die sattgrüne Landschaft windet, das Flattern und Winken Dutzender Hände, wenn wir im Auto an ihnen vorbeifuhren.
Als alleinreisende Frau hatte ich für weitere Strecken und Einkaufsfahrten meinen zuverlässigen Freund Haji engagiert. Er war ein junger Mann von 25 Jahren und kannte die ganze Insel, was nicht schwierig ist, sie hat in etwa die Größe von Vorarlberg, in drei bis vier Stunden Autofahrt ist man vom Norden im Süden. Und er kannte die Leute von der Ost- und Westküste, alle waren verschwistert oder verschwägert, Brothers, Sisters and Cousins. Für Haji war alles easy, hakuna matata, er war zufrieden. Er hatte einen guten Job, seit mehr als einem Jahr war er verheiratet, und welch ein Glück, das erste Kind war unterwegs. Mambo vipi? – Poa!
Die Bäume der Allee seien über hundertfünfzig Jahre alt, erzählte er mir während einer unserer Fahrten von Stone Town in eines der Dörfer an der Ostküste. Der Sultan von Oman ließ sie damals pflanzen und alle Inselbewohner hatten Angst vor ihm, denn jeder war für seinen eigenen Baum verantwortlich, und wenn der keine Früchte trug, dann Kopf ab! Der jetzige Präsident sei okay und die Polizisten seien Hajis Freunde, ab und zu stecke er ihnen Bakschisch, kitu kitotugu, etwas Kleines, oder eine Flasche kaltes Wasser zu. Korruption findet in allen Bereichen statt – wie überall auf der Welt. Eine Hand wäscht die andere, sagt man in Europa. Und die Massai, bei denen es schlichtweg keine Aufstiegschancen gibt, die sich nichts dazuverdienen können an Ruhm und Ehre, außer älter zu werden, sagen: »Das Herz ist es, das gibt. Die Hände sind nur zum Loslassen da.« Haji gab mir den Rat, immer eine 1000-Tansanian-Shilling-Note (das sind umgerechnet circa 38 Cent) bereitzuhalten, »always be ready«, und diese diskret zu zücken, wenn ich mich in Schwierigkeiten befände – alles andere würde sich weisen.

Top