€ 25.00
ISBN 978-3-903460-52-2
ca. 250 Seiten
gebunden mit SU und Leseband
Bereits erschienen
Eine Ziege, ein Dorf und kein Internet
Ein kaputtes Auto, ein Koffer voller Plüschtiere, eine Ziege und ein
abgelegenes Dorf irgendwo am Balkan: So beginnt Elsies unfreiwilliger
Aufenthalt in Borovo, einem Ort, der im Dauerkrisenmodus zwischen Gegenwart und Vergangenheit gefangen scheint. Was als
harmlose Hilfsaktion beginnt, wird zu einer Reise in die Vergangenheit
und einem Aufbruch in eine neue Zukunft.
Elsie, Anfang vierzig, arbeitet als Texterin in einem Verlag, wo sie mit dem Formulieren von Kalendersprüchen und Lebensweisheiten betraut ist. Ihre Tage sind geprägt von routinierter Gleichgültigkeit, die sie lange nicht hinterfragt. Nach dem plötzlichen Tod ihres langjährigen Kollegen und Mentors beginnt eine Unruhe in ihr zu wachsen. Sie merkt, dass sie sich über Jahre hinweg in einer selbst auferlegten Distanz eingerichtet hat, in einem Leben, das funktioniert, sie aber nicht erfüllt.
In diesem Gefüge des Zögerns und Abwartens fällt ihr eine alte Spendenaktion ihres Verlages ein: Plüschtiere, die an Waisenhäuser in Kriegsgebieten verschickt worden waren. Ohne wirklich zu wissen warum, trifft sie eine impulsive Entscheidung: Sie schnappt sich die Kuscheltiere, setzt sich ins Auto und fährt los, in ein Land im Osten Europas, das von Krieg und wirtschaftlicher Not gezeichnet ist. Sie will die Kuscheltiere persönlich überbringen.
Ihre Reise verläuft anders als geplant. Inmitten eines Unwetters verliert Elsie die Kontrolle über ihr Fahrzeug und rutscht eine Böschung hinab. Sie wird von Ivana, einer resoluten Frau aus dem Dörfchen Borovo, aufgelesen, die ihre entlaufene Ziege gesucht hat und Elsie bei sich aufnimmt.
Das Dorf ist ein Ort, der durch den Krieg und die Abwanderung vieler junger Menschen ausgedünnt wurde, nur noch knapp hundert Bewohner leben dort. Während Elsie sich in den Alltag einfügt, sie hilft bei einfachen Arbeiten, holt Wasser vom Brunnen, begleitet Ivana auf ihre Fahrten in kleinere Dörfer, wo sie Lebensmittel verteilt, beginnt sie, sich dem Ort und den Menschen zu öffnen.
Ein eindringlicher Roman über Freundschaft und Schweigen. Und über
die Erkundung des Erinnerns inmitten einer Landschaft, die die Narben
alter und neuer Kriege trägt.
Es ist nicht viel, was bleibt. Ein Name vielleicht, eine Erinnerung in den Köpfen anderer, die mit der Zeit verblasst. Oder ein Gefühl, das man hinterlässt, ohne es zu wissen. Man hält sich für einzigartig, für unverwechselbar, aber in der Summe der Jahre, der Menschen, der Geschichten, ist man nicht mehr als eine überhörte Stimme im Lärm, ein weggespülter Fußabdruck am Sandstrand. Und man geht weiter. Weil es nichts anderes gibt als das: das Gehen, das Atmen, das Dasein.
Die Stille zwischen uns ist nicht unangenehm, aber sie hat eine Schwere, als würde jedes unausgesprochene Wort sich in der Luft festhaken und abwarten. Ivana scheint zu überlegen, wer ich bin und warum ich hierhergekommen bin.
Nachdem ich gegessen habe, meldet sich die Müdigkeit in meinen Knochen, während meine Gedanken zu den Kuscheltieren schweifen, die im Schlamm liegen. Alles erscheint mir sinnlos.
Ivana fragt, als ob sie meine Gedanken lesen könnte: »Und dieses Spielzeug, für wen war das als Geschenk?«
»Für ein Waisenhaus, von der Firma, für die ich gearbeitet habe. Das war ein Verlag. Ich habe dort gekündigt.« Die Worte kommen stockend, reißen etwas auf.
Ivana sitzt mir gegenüber, ihre Hände liegen gefaltet auf dem Tisch. »Dieses Land ist nicht leicht«, sagt sie. »Fremde, die hierherkommen, verstehen es nicht. Sie wollen helfen, aber sie wissen nicht, wie.« Nach einer Weile fügt sie hinzu: »Hierher kommt niemand. Nicht nach Borovo. Nicht einmal die engagiertesten Helfer. Sie fahren in andere Teile des Landes, dorthin, wo die Straßen noch passierbar sind und wo es Hoffnung gibt, dass man etwas bewirken kann.«
Ich sehe sie fragend an, glaube in ihrem Gesicht zu lesen, was sie denkt: dass die, die helfen wollen, es komfortabel tun möchten. Niemand begibt sich freiwillig in Schutt und Schlamm. In Gefahr. Man möchte ein zivilisiertes Helfen, eines, bei dem man abends warm duschen und unbeschadet schlafen kann, weit genug entfernt von dem Chaos, das man ohnehin nicht ändern kann. Das man vorgibt, ändern zu wollen. Wie nannte Julia es? Katastrophentourismus.
»Ich fahre ab und zu in die Kreisstadt, eigentlich regelmäßig«, fährt Ivana fort. »Dort erfahre ich, wie sich der Krieg entwickelt, wie es den Menschen geht. Ich spreche mit denen, die geblieben sind, und mit denen, die aus den ärgsten Gebieten geflüchtet sind. Sie berichten von Ausländern, die in den Städten sind, wo sie versuchen zu helfen. Aber niemand kommt hierher zu uns nach Borovo. Unser Dorf liegt abseits, vergessen. Für die meisten existiert es nicht einmal. Wir sind auf uns allein gestellt.«
Ich hebe den Blick und sehe sie an. Ihre Augen sind dunkel, aber nicht kalt. Sie schweigt, wartet auf irgendetwas von mir. Nach einer Weile schaffe ich es zu berichten: »Es gab da einen Zeitungsartikel über ein Waisenhaus hier. Über die Zustände, über die Kinder, die nichts haben, nicht einmal etwas winzig Kleines, das ihnen Trost spendet.« Ich halte inne und suche nach den richtigen Worten. »Mein Chef, der Verlagsleiter, hat eine Spendenaktion mit Plüschtieren gestartet, die sind dann per Kurier oder Hilfsorganisationen an Kinderheime in verschiedenen Ländern verschickt worden. Als die Aktion vorbei war, sind noch ein paar Kuscheltierspenden eingetroffen, niemand wusste, was man mit denen machen soll.«
Ich mache eine Pause. »Und dann habe ich beschlossen, sie hierherzubringen.« Meine Hand macht eine vage Geste. »Jetzt liegen sie da draußen im Schlamm.«
»Wo ist dieses Waisenhaus?«, fragt Ivana.
»In Vernograd«, antworte ich, »dorthin war ich unterwegs.«
Sie meint, ich hätte mich gar nicht so weit verfahren, Vernograd liegt zwei Autostunden von Borovo entfernt. Die Straße in die Stadt gibt es nicht mehr, sie ist zerstört worden, so wie viele Hauptverkehrswege. Auch deshalb habe ich mich wohl dermaßen verirrt und verfahren. Es gibt kein zusammenhängendes Verkehrsnetz mehr.
Ivana sieht mich lange an, ohne weiterzusprechen. Die Absurdität meines Vorhabens wird mir plötzlich bewusst. Die Vorstellung, dass Kinder, die mitten in einem vom Krieg verwüsteten Land leben, Plüschtiere brauchen könnten, erscheint mir fast lächerlich. Was sollen Kuscheltiere in einer Welt bewirken, die von Hunger, Angst und Verlust bestimmt ist? Diese Kinder brauchen ganz andere Dinge: Sicherheit, Nahrung, eine Zukunft. Der Kloß in meinem Hals wächst. Was hatte ich mir nur vorgestellt?
Man erkennt Naivität erst, wenn man das eigene Verhalten rückblickend betrachtet. Solange man in ihr lebt, erscheint sie nicht wie ein Irrtum. Sie wirkt wie Vertrauen, wie Gewissheit, wie ein stilles Einverständnis mit der Welt. Man glaubt, vorbereitet zu sein, genug zu wissen, verstanden zu haben. Und dann kommt der Moment, in dem alles kippt. Man blickt zurück und merkt: Man war blind. Nicht aus Dummheit, nicht mit Absicht, sondern weil man überzeugt war, dass die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen. Man hat geglaubt, was gesagt wurde. Hat Zeichen übersehen, weil man sie nicht sehen wollte. Hat an Beständigkeit geglaubt, wo längst Risse waren. An Ehrlichkeit, wo nur Berechnung war.
Es ist kein plötzlicher Schock, sondern eine langsame Ernüchterung. Ein bisschen Scham, ein bisschen Wut, aber vor allem das Wissen, dass es kein Zurück gibt. Einmal durchschaut, bleibt es durchschaut. Einmal gefallen, bleibt die Fallhöhe sichtbar. Ich erkenne, wie blauäugig ich war. Daniel, Thomas, ich selbst, wir alle waren so weit entfernt von der wirklichen Not. Wir hatten Berichte gelesen, Zeitungsartikel, Bilder gesehen, die uns ein Gefühl dieser fernen Welt vermitteln sollten. Aber wir kannten diese Welt nicht. Wir lebten in einer Blase aus bedacht eingesetzten Hilfsgesten und einer Wohlfühl-Humanität, die in unserer bequemen Zivilisation so etwas wie eine Orientierung lieferte. Hier, inmitten einer täglichen Katastrophe, ist all das hinfällig. Eine Illusion. Fast eine Beleidigung.
Ivana und ich schweigen. Kein unangenehmes Schweigen, eher eines, das sich über unsere Gedanken wie ein dünner Schleier legt. Dann sagt sie, ohne mich anzusehen: »Du wolltest also helfen. Aber oft ist das, was man tun will, nicht das, was gebraucht wird. Du kannst nicht alles reparieren.«
Ich nicke. Eine schlichte Wahrheit, die sich unaufgeregt und unumstößlich anhört. Ich weiß aber, dass das so nicht stimmt. Ich wollte weder helfen noch reparieren. Wenn, dann mich selbst, aber so klar habe ich das bisher nicht formuliert. Selbst jetzt denke ich dies nur in Fragmenten. Ich kann ihr nicht antworten, kann nicht sagen, dass ich weder helfen noch reparieren wollte, dass ich eigentlich aus purem Egoismus losgefahren bin, weil ich mich selbst retten wollte, wovor auch immer.
Ich schiebe mit dem Zeigefinger Brotkrümel auf dem Tisch hin und her. Ich bilde aus ihnen eine akkurate Linie. Dann einen Kreis. Tun, um zu tun. Weil Stillstand schwer zu ertragen ist.
Ivanas Blick ruhig und prüfend. »Es gibt viele Arten zu helfen. Du wirst herausfinden, welche für dich richtig ist.«
Ich habe kein Bedürfnis zu widersprechen. Sie sagt nichts mehr, ich weiß nicht, ob aus Zurückhaltung oder Müdigkeit. Dann frage ich: »Wer lebt sonst noch hier?«
Sie zieht eine Augenbraue hoch. »Nicht viele. Nicht mal hundert. Mira, eine alte Frau, wir gehen morgen zu ihr. Sie hat das Dorf durch Zeiten geführt, die nicht für jeden gedacht waren. Gjergj auch, er vertraut Fremden nicht. Aber er wird dich in Ruhe lassen, solange du nichts Dummes machst ...« Ein kurzes Innehalten. Ihre Stimme bleibt gleichmäßig. »Und Donika. Ein Mädchen. Hat im Krieg ihre Eltern verloren. Sie lebt jetzt bei Ervin und Radmila.«
Ich wiederhole die Namen stumm für mich, lasse sie in meinem Denken Platz nehmen. Menschen, Orte, die mir noch nichts bedeuten.
»Und du?«, frage ich schließlich.
Sie sieht mich lange an, mit einem Blick, als würde sie nach etwas suchen, das nicht in Worten zu finden ist. »Früher sind die Leute von hier weggezogen«, sagt sie dann, »in die Hauptstadt. Vernograd. Arbeit, bessere Infrastruktur.« Ein leichtes Zucken in ihrem Gesicht, kaum wahrnehmbar.
Später werde ich erfahren, dass Ivana als Anwältin gearbeitet hat. Sie hatte sich mit Gesetzen und Gerechtigkeit befasst, in einem Land, in dem diese beiden Begriffe nicht mehr zusammenfanden. Ihre Rückkehr hierher war, abgesehen davon, dass das Gebäude, in dem sich ihr Büro befand, zerbombt worden war, eine Art Eingeständnis, dass sich Konflikte nicht mit Paragrafen lösen lassen.
»Aber dann kam eben der Krieg«, fährt sie fort, »die Stadt wurde zerstört. Und die Leute kehrten heim. So wie ich. Borovo liegt abseits, vergessen. Dieses Vergessen hat uns in gewisser Weise geschützt. Es ist sicherer hier.«
Sicherer. Ein Wort, das in meiner Wahrnehmung immer relativ war. Und hier: Sicherheit als Produkt des Vergessenwerdens. Darin liegt etwas Tröstliches.