€ 26.00

ISBN 978-3-903460-55-3
ca. 300 Seiten
gebunden mit Leseband
Erscheint März 2026

Bestellen

Unsere Bücher sind natürlich auch ganz normal im Buchhandel erhältlich.

Samir H. Köck

Talk to me

62 Gespräche mit Stars aus herkömmlichen und entlegenen Genres. Das Spektrum ist durchaus weit. Da tummeln sich französische Chansonnièren und Wiener Strizzis, amerikanische Jazzdiven und resolute Jodlerinnen. Am Ende weiß man nicht mehr, was der Unterschied zwischen Avantgarde und Schlager ist.

Samir H. Köck scheiterte 1990 an seinem ersten Interview mit seinem Lieblingssänger Van Morrison. Er bekam ihn nie mehr wieder vors Mikrofon. Doch dieses Schockerlebnis war der Auftakt für einen Gesprächsmarathon mit etwa 2500 Künstlerinnen und Künstlern in den nächsten 35 Jahren.

Hier ist eine Best-of-Auswahl dieser Begegnungen. Tom Waits holte ihn in einem Chevrolet-Pick-up von einer Bushaltestelle in Kalifornien ab. Mit Amy Winehouse trank er zu viele Cocktails in Berlin. Und der legendäre Little Jimmy Scott kam gar ins Wohnzimmer zu ihm nach Hause. Mit dem gottesfürchtigen Soulsänger Al Green erörterte er die Fallstricke weltlicher Verehrung. Nine-Inch-Nails-Frontmann Trent Reznor erklärte ihm, warum er zornig wurde, als Johnny Cash „Hurt“ coverte. Francoise Hardy erzählte ihm, wie schmuddelig ihr Verehrer Bob Dylan in den Sechzigerjahren war. Und Proto-Punk Iggy Pop schwärmte seinerseits vom Chateaubriand, das ihm Hardy vor einem gemeinsamen Duett zubereitete.

Interview mit Tom Waits (2004)

Sie verzichten neuerdings beim Komponieren Ihrer Songs auf Instrumente. Wie kann man sich die Entstehung eines Tom-Waits-Songs nun vorzustellen?

Nun, ich fahre im Auto herum, schreie und singe und nehme das mit einem kleinen Recorder auf. Diese Rohversionen liebe ich am meisten. Sie müssen wissen, wenn man eine Familie hat, dann ist der einzige ruhige Platz, der bleibt, das Auto. Danach geht es ins Studio, wo ich dann in Zungen speche und die Lyrics magisch auflade. Ein wenig wie ein Holy Roller, ein betrunkener Bibelverkäufer. Früher hing ich lange am Piano, am Aschenbecher oder an der Bar ab, um Lieder zu schreiben. Jetzt geht es ruckzuck. Mal in der Wäscherei, dann wieder im Auto, so kommt ein Song zur Welt.

Das Promosheet zur neuen Platte schlägt »Cubist Funk« als Terminus für Ihre Musik vor. Könnten Sie diesen Begriff etwas näher erläutern?
Ich weiß nicht. Was ich weiß, das ist, dass Intelligenz total überschätzt wird. Besonders in der Musik. Manchmal nehme ich etwas auf, zerschneide es in zehn Stücke, und setze diese in beliebiger Reihenfolge zusammen. Da kann es passieren, dass das dann musikalisch total stimmig ist. Das Einzige, das zählt, ist, dass die Musik lebt. Niemand mag verdorbenes Fleisch essen, wie auch niemand tote Platten hören will. Die Hauptaufgabe beim Plattenaufnehmen ist, etwas Lebendiges einzufangen. Es ist eine Art Fotografieren von Geistern.

Tanzwilligen empfehlen Sie den »Metropolitan Glide«. Wie tanzt man den?
Während meiner Kindheit war fast jedes Lied im Radio ein Song mit Tanzanleitung: The Locomotion, The Swim, The Alligator, The Mashed Potatoes, The Peppermint Twist. Da dachte man sich nichts dabei. Diese Songs waren omnipräsent, und niemand wagte es, zu einer Tanzveranstaltung zu gehen und nicht exakt die Schrittkombinationen des neuesten Tanzes zu beherrschen. Das gibt es heutzutage nicht mehr. Also dachte ich mir, kreiere ich selbst einen. Das wurde eben dann der Metropolitan Glide.

Warum wählten sie »Real gone« als Albumtitel?
Vielleicht klingt es ein wenig arrogant, aber wir haben so gute Sounds gemacht, dass nur mehr dieser Ausdruck angemessen schien. »Real gone« meint in gewissem Sinne, »den Körper verlassend«, also durch die Musik an einen Ort gebracht zu werden, den man vorher nicht kannte. In der klassischen Musik bezeichnet man solch eine Erfahrung als »Out to the meadow«. Mit Marc Ribot, Larry Taylor, Brain Mantia, Les Claypool und Harry Cody zu spielen, das war für mich eine Real-Gone-Erfahrung.

Mit Ihren drei Stilperioden beeinflussen Sie nun schon mehrere Generationen. Hegen Sie auch Wertschätzung für neuere Popmusik?
Mit Mr. E von Eels habe ich eben eine kleine Sache gemacht. Primus und Beck mag ich sehr. Aber sonst ist es eher hart. Haben Sie Kinder? Wenn man Kinder hat, dann hört man durch sie Dinge, die man sonst nicht hören würde. Mein Haus ist voll mit deren Musik. Was ich liebe, spiele ich nicht zu Hause. Außer wenn es sehr spät ist und alle schlafen. Zu Hause bin ich gezwungen, Unmengen an Hip-Hop zu hören, die meine Söhne nach Hause bringen. Ich mag bereits einiges davon. Aber nur weil ich dieser Musik über eine lange Zeit ausgesetzt war. Es ist nicht meine Musik. Aber ich schätze sie. Für mich ist Hip-Hop die logischste Weiterentwicklung des Blues. In dieser Hinsicht ist dieser Stil faszinierend und essenziell.

Integrieren Sie auch offensichtliche Fehler in Ihre Aufnahmen?
Jedes Geräusch, jeder Sound ist wertvoll. Manches Kratzen und Schaben ist unfreiwillig. Das sollte allerdings seinen Wert nicht senken. Fehler sind vor allem deshalb interessant, weil sie nie wirklich Fehler sind. Technisch gesehen, mögen sie Fehler sein, aber die meisten neuen musikalischen Ideen resultieren aus sogenannten Fehlern. Oder aus Missverständnissen und Unvermögen. Ich mag es zum Beispiel gerne, wenn ich mich verhöre. Etwa wenn ich Musik durch eine Wand hindurch höre oder zwei Radios gleichzeitig. Jedes Hindernis erhöht den Genuss. Solche Erlebnisse führen nicht selten zu neuen Songs. Da höre ich dann zwei Noten durch eine Wand und ergänze sie in meinem Kopf zu einem neuen Song.

Es gibt diese Theorie, dass Sie die Musik der Sechzigerjahre niemals rezipierten und dieses Faktum Ihre frühen Alben so interessant macht. Welcher Musik waren Sie in Ihrer Jugend ausgesetzt?
Nein, nein, das stimmt nicht. Selbstverständlich habe ich die aktuelle Musik der frühen Sechzigerjahre gehört. Ich mochte The Animals, The Yardbirds, The Electric Prunes, Frankie Laine, Sam Cooke und immer wieder die Rolling Stones. Damals hatte die Musik viel mit Mode zu tun. Was du hörtest, das konnte man an deiner Kleidung sehen. Heutzutage ist es mir egal, wenn mich jemand dafür auslacht, dass ich klassische Musik mag. Aber in meinen Teenagerjahren machte es einen bedeutenden Unterschied, ob man James Brown oder The Turtles verehrte. Als ich sechzehn war, hörte ich dieselbe Musik wie die alten Männer. Da hatte ich meine kleinen Vaterfiguren. Ich war nicht interessiert an Musik, die Gleichaltrige machten. Ich wollte reife Musik hören: Louis Armstrong, Bing Crosby, Frank Sinatra, Tony Bennett, sogar Harry Belafonte.

War es angesichts solcher Vorbilder nicht schwer, einen eigenen Stil zu finden?
Howlin’ Wolf liebte Jimmy Rodgers. Was einen das lehrt, ist, dass jeder eine schlechte Kopie eines anderen ist. Im Verfehlen des Sounds, den man anstrebt, wird der eigene Stil geboren. Niemand kann so klingen wie du selbst. Das ist eine schöne Sache. Frank Sinatra wollte immer wie eine Trompete klingen. Auch Billie Holiday. Ihr Vibrato klang nach Louis Armstrong.

Welche Rolle spielte der Jazz für Ihre musikalische Sozialisation?
Eine große. Dissonanz und Melodie – die Spannung zwischen diesen beiden Polen, die liebe ich. Ich bin gefangen zwischen diesen beiden Extremen. In einem Moment möchte ich etwas tun, das wie ein Autounfall klingt, dann ist mir wieder danach, eine schöne Melodie, die wie zufällig durchs Fenster weht, zu ersinnen.

In den letzten Jahren interessieren Sie sich zunehmend für die rhythmischen Aspekte der Musik. Weshalb?
Weil bei mir alles durcheinandergeht. Als ich klein war, wollte ich alt sein, und nun, wo ich alt bin, möchte ich jung sein. Es ist verrückt. Als ich achtzehn war, fürchtete ich mich vor den Rhythmen. Ich wünschte mir einen Hut und einen Mantel, wünschte mir einen Bart, einen Gehstock und ein Hinken. Und dann bemerkte ich, dass ich mich umso jünger fühlte, desto älter ich wurde.

Das Soldatenlied »Day after tomorrow« findet man auch auf der Kompilation »The Future Sound of America«, einer CD einer Organisation, die sich für ein Ende des Irakkriegs und einen Wechsel der Administration einsetzt. Wie kam es zu Ihrer Mitwirkung?
Ich weiß nicht viel über ihre genauen Pläne. Was ich weiß, ist, dass ich auf ihrer Seite bin, weil auch ich gegen den Krieg bin. Also stellte ich ihnen den Song zur Verfügung. Ursprünglich dachte ich, dass Protest- und Rebellionslieder genauso wenig bewirken, wie wenn man einen Gorilla mit Erdnüssen bewirft. Dann dachte ich aber darüber nach, welche große Rolle Soul Music für das afroamerikanische Civil Rights Movement spielte. Sam Cookes »A Change is gonna come« etwa. Mir wurde klar, dass in der Musik durchaus eine große Macht liegt.

Wie sieht es denn mit Airplay der teilweise lustvoll sperrigen Tom-Waits-Songs in den USA aus?
Manchmal hört man sie in College Radios, die erreichen allerdings nur sehr limitiert Menschen. Die Radios sind ja mittlerweile alles Großfirmen, wie es auch die TV-Stationen sind. Es ist wie bei einem mexikanischen Präsidenten. Zuerst allen alles versprechen, dann einmal im Amt, ist er nur mehr eine Marionette, die alles vergessen hat, was an Ideen und Vorstellungen vor der Wahl da war. Für manche Künstler ist das ideal. Vor allem für jene, die ihre Musik extrem sorgfältig designen. So bin ich nicht. Ich bin der Albino-Catfish. Die Menschen, die mich mögen, finden mich aber.

Jesus taucht immer wieder in Ihren Songs auf. Sind Sie auf irgendeine Art gläubig?
Ich weiß nicht. Manche glauben, dass wir aus dem Ei kommen, andere dass wir vom Himmel gefallen sind, gemeinsam mit Barbie-Puppen, Armbanduhren, Fröschen und Weckern. Irgendwie glaube ich an höhere Mächte. Ich singe über diese Dinge, weil ich sie befrage. Spirituelle Ratschläge kann ich aber nicht geben. Ich habe keine Antworten, nur Fragen.

In einem anderen Song kommt Roy Orbison vor, mit dem Sie ja auch einmal zusammenarbeiteten. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Ich fragte ihn einmal, woher denn diese hohe Stimme rühre. Er erzählte mir von seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in Texas. Damals hörte er Bands in Roadhouses spielen, die bis zu dreihundert Meilen entfernt waren. Es war Nacht, das Land sehr flach, und die Stimmen sehr sehnsuchtsvoll und voller Echo. Auf diese Art fand er seine Stimme. Es war für mich sehr bewegend, das von ihm erzählt zu bekommen. Er starb im Haus seiner Mutter, nicht lange nach dieser Schwarzweiß-TV-Show, wo auch ich mitwirkte. Er fühlte sich sehr geschmeichelt durch all die jungen Menschen, die seine Songs kannten und sangen. Er war fast geschockt.

Top