€ 26.00
ISBN 978-3-903460-64-5
ca. 250 Seiten
Hardcover mit SU und Leseband
Erscheint September 2026
Eigentlich wäre Familie Gutensohn glücklich gewesen. Eigener Bioladen, intakte Ehe, die beiden Kinder behütet. Doch der Lauf der Welt diktiert eine andere Marschrichtung. Der erfolgreiche Laden, der einem Großbauprojekt weichen muss, schlittert in die Insolvenz. Das Eigenheim der Familie wird zwangsversteigert. Ein verzweifelter Existenzkampf in einem völlig konträren Leben beginnt.
In einem industriell überwucherten Tal soll Wolf, der Vater, zunächst eine Stelle als Sachbearbeiter in der Metallverarbeitung antreten. Neue Adresse: Sozialbau. Kaum ist die Familie eingetroffen, spült eine Jahrhundertfl ut die letzten Überbleibsel der einstigen Existenz davon. Als der Alltag wieder anläuft, heuert die Mutter bei einem waffenverliebten Schwerenöter als Pfl egehilfe an, während Wolf mit zunehmenden Schwierigkeiten dem Leistungsdruck in der Firma standzuhalten versucht.
Und die beiden Kinder, Marius und Anna, werden an ihrer volldigitalisierten neuen Schule mit High-Tech-Mobbing empfangen: Ein Cyberangriff auf die ganze Familie wird gestartet, wobei eine zehnjährige Mitschülerin von Anna im Hintergrund den Schlachtplan entwirft. Im digitalen Dauerstress geht die Kindheit den Bach runter, und auch die Erwachsenen verlieren den Überblick. Der familiäre Zusammenhalt droht zu zerbrechen. Parallel dazu braut sich auf der geopolitischen Bühne der nächste Großkonfl ikt zusammen. Was läuft da überall? Ein dramatisches Finale bahnt sich an, in dem es plötzlich um alles geht.
Der Albtraum des Mittelstands, der soziale Abstieg, wird plötzlich Realität. Ein berührender und spannender Roman, der mit existenzieller Wucht und schauerlicher Ironie vom Verlust der Spielräume erzählt.
Ankunft
Als für Wolf feststand, dass sein Bioladen nicht zu retten und der Konkurs unabwendbar war, ja dass er, Marita und die Kinder auch noch ihr Haus verkaufen müssten, dachte er als Erstes, wie es wäre, sich ganz in die Frustration hineinfallen zu lassen, sich im Schlafzimmer einzuschließen, sich ins Bett zu legen, und nicht mehr aufzustehen, sich zwischendurch einem Weinkrampf hinzugeben oder einem Wutanfall, wie es wäre, auch am nächsten, über- und überübernächsten Tag nicht vernünftig zu sein, wie es wäre, jede Verantwortung von einem Moment auf den anderen einfach abzuwerfen.
In Wahrheit, dachte er, habe ich sowieso nie fürs Biogeschäft getaugt. Bin ich im Grunde meines Herzens nicht ein konservativer Idiot?
Am liebsten rauche ich und gucke in die Luft. Und wenn eine vorübergeht, gaffe ich ihr zwanghaft hinterher. Das ist alles. Nur wegen Marita reiße ich mich zwischendurch zusammen. So gut es geht.
Mit dem ewigen Gemüse, den pedantischen Kichererbsenzählern, die durch den Laden schlichen, um sich dann mit einem Beutelchen Leinsamen davonzustehlen, hatte er schon lange nichts mehr anfangen können. In den ersten Jahren war das Geschäft allerdings noch wie von selbst gelaufen.
Später wurde die Lage schwieriger und schwieriger, es hieß antauchen. Doch sobald Wolf den Laden für ein paar Tage allein schmiss, während Marita sich um die Kinder kümmerte, liefen die Dinge aus dem Ruder: Die Früchte verschrumpelten, der Salat welkte. Die Sachen eigneten sich oft nicht mal mehr fürs Zweite-Chance-Kistchen. Marita schüttelte den Kopf. Wolf verwies auf die Gehilfen und Gehilfinnen, die er seinerseits aus dem Zweite-Chance-Körbchen des Arbeitsamts gefischt hatte und die auch zu nichts taugten.
Sie schritt ein, legte sich ins Zeug, gab Anweisungen, und es ging wieder ein Weilchen so dahin.
Doch da tauchte plötzlich der Großinvestor auf. Über seine landesweit tätige Holding hatte er die halbe Innenstadt von Bad Obermoos aufgekauft und wollte sie komplett schleifen. Für ein Shoppingzentrum, eine »Gastromeile«, ein Bürogebäude und sowas. Der Laden von Wolf und Marita in der baufälligen alten Brauerei stand ihm natürlich als Erstes im Weg.
Da wurden sie aktiv, das heißt Marita wurde aktiv. Sie sammelte Unterschriften: Rettet euren Kopfsalat! Denn so hieß der Laden: Kopfsalat. Sie intervenierte im Rathaus, machte über einen Anwalt Eingaben beim Landesbauamt. Doch am Ende setzte sich das Großkapital ganz unspektakulär durch. So wie es halt immer läuft.
Sie zogen in eine adaptierte Lagerhalle im Gewerbegebiet draußen. Das Einzige, was zu erschwinglichen Konditionen zu haben war. Gegenüber eine Tankstelle mit Grill. Nebenan ein Autoverleih und ein Erotikstudio.
Ich hätte mich als Teilhaber anbieten sollen, dachte Wolf. Oder gleich als Erotikdarsteller? Dafür fehlten leider die körperlichen Voraussetzungen.
Er hatte das Sortiment reduziert, die letzte Mitarbeiterin entlassen, und war gegen Maritas Widerstand zu zwei verschiedenen Privatbanken gegangen, um Überbrückungskredite aufzunehmen. Hohe Zinsen, das Haus war auch noch nicht abbezahlt. Am Ende hatte er Geld aus der Geschäftskasse abgezweigt und damit an der Börse gezockt. Fast hätte er sich noch ein Verfahren wegen Konkursverschleppung eingehandelt.
Ja, dachte Wolf, schlafen, einfach schlafen. In die Psychiatrie einliefern lassen und sich jeder Resozialisierung widersetzen.
In einem spontanen Wutausbruch trommelte er sich mit beiden Fäusten auf den Kopf, bis der Gleichgewichtssinn kurz aussetzte. Kopfsalat.
Danach fügte er sich in sein Schicksal.
*
Es war ein Tag Ende August, wolkenlos und heiß, als sie ankamen. Das Tal hatte sie schon wieder mit seiner Länge überrascht. Sie hatten den großen Kreisverkehr passiert mit dieser Kunstinstallation in der Mitte, ein Bär aus Coca-Cola-Flaschen, schau da, hatte Anna gesagt, und wieder hatten sie geglaubt, sie hätten es nun bald geschafft. Tatsächlich aber waren sie von dort noch gut zwanzig Minuten unterwegs.
Links das Sägewerk mit den gigantischen Stapeln von geschälten Baumstämmen, rechts das Shoppingareal. Totempfähle mit den Logos von Geschäften und Firmen. Fashion hier, Fashion da. Take away. Thai-Gymnastik. Barber Shop. Asia-Tempel. Protkrotsch & Partner, Rechtsanwälte. Bäderparadies.
Dann wieder Tunnels, Stützmauern und Steilhänge mit dürren Kiefern bewachsen, immer weiter in den öden Schlauch hinein, geradewegs auf einen riesigen trapezförmigen Bergsockel zu, von dem drei Felstürme aufragten wie die Zacken einer Krone. Angeblich sollte dort oben irgendwo ein Gletschergebiet sein, von dem man aber nichts erkannte. Die Gletscherzunge werde im Sommer mit einer Folie zugedeckt, um ihr Abschmelzen zu bremsen, hatte Marita behauptet, sie hatte das so gehört.
Sie rauschten durch kleine, missratene Siedlungsansätze mit Tankstelle, Kapelle, zwei, drei staubverkrusteten Wohnhäusern. Durch Dörfer, die hauptsächlich aus Autosalons zusammengewürfelt waren.
Rechts und links Arvenwald, immer wieder Arvenwald, am Fluss entlang, der jetzt kaum Wasser führte.
Mann, wie lange dauert das denn immer, dieses verdammte Grandeck liegt wirklich am Arsch der Welt, sagte Anna.
Aber dann stand da schon das Schild, man war von einem Augenblick auf den anderen einfach mittendrin im Ort, hinter einer Geländeschulter tauchte er unvermittelt auf, ohne Übergang. Fliederfarben und zitronengelb verputzte Geschäftshäuser, dazwischen das eine oder andere Baudenkmal mit dicken Mauern und tiefen Fenstern. Auf dem Hauptplatz gab es ein paar Lokale, die jetzt voll besetzt waren. Eisbecher, Aperol und Pizza.
Anna, Marius, Wolf und Marita mussten jedoch weiter, in den Schatten hinein, eine Schotterstraße entlang, hinunter zum Fluss. Ein kleines Wäldchen nahm sie kurz auf, mit einem Anflug von Wildnis und Unberührtheit, das war schön, aber schon waren sie hindurch, und es erwartete sie ein asphaltierter Platz. Voraus, direkt an der Uferböschung, leicht versetzt drei senfgelbe Mietskasernen mit einem breiten, grau verputzten Streifen in der Mitte, auf dem jeweils groß eine Nummer aufgemalt war, als seien die Häuser Teil eines Straflagers.
Im Sandacker. Eins, zwei und drei.
Die Gebäude waren noch nicht sehr alt, trotzdem schon desolat mit ihren Wasserspuren unterhalb der Fenster. Zwei betonierte Carports für jeweils zehn Fahrzeuge flankierten links und rechts den Vorplatz. Brombeer- und Haselbüsche schossen dahinter aus, weiter entfernt rauschte der Fluss.
Wolf parkte und stieg als Erster aus.
In der Eingangstür der Nummer 2 ein kleiner Knirps. Er hatte den Zeigefinger im Mund und beobachtete sie neugierig. Auf dem Boden vor der Schwelle lag hingeworfen sein kleines Rad. Neben den Wohnblocks hatten sich zwei Familien um eine Feuerstelle im Schatten dreier Birken versammelt, Grillgerüche wurden herübergeweht.
Der Bengel macht bestimmt nicht automatisch Platz, wenn ich mit den Taschen komme, dachte Wolf, den muss ich erst ansprechen, der will Fragen stellen. Sogar sowas ist mir nun schon zu viel.
Er öffnete die Heckklappe und wühlte im Gepäck herum. Im Kofferraum waren noch die Garderobe, Teller, Tassen. Der Rest der Habe war schon seit letzter Woche vor Ort und fertig eingeräumt. Er warf gerade den Deckel zu, als ein Fahrrad auf den Asphalt klirrte, es war der Kleine, der eben noch in der Tür gestanden war. Er musste sich sofort in den Sattel geschwungen haben, als Wolf kurz weggeschaut hatte.